Brigitte Hutt - IT-Beraterin und Autorin

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47:11

Getriebene der Zeit

Abends mache ich mir gern noch einen Tee. Wenn ich dazu in die Küche komme, fällt mein Blick automatisch auf die digitale Zeitanzeige am Herd. Es ist immer ein Schmunzeln wert, wenn dann gerade 22:22 zu lesen ist, oder 23:32.

So auch gestern. Lustig, dachte ich, 47:11. Echt Kölnisch Wasser. Gibt es das überhaupt noch? Ich griff zum Wasserkessel, dann erstarrte ich. 47:11. Was für eine Uhrzeit sollte das sein? Meine Augen wurden auch immer schlechter. Ich kniff sie zusammen, riss sie auf und schaute erneut auf die Digitalanzeige.

47:11

Kopfschütteln. Übermüdung, konstatierte ich und füllte den Wasserkessel, setzte ihn auf die Herdplatte und schaltete ein. Holte den Tee aus dem Regal, füllte einen Löffel davon in den Filter, setzte den Filter auf meine rote Lieblingstasse und wartete ab. Den Blick zur Anzeige konnte ich nicht länger aufhalten.

47:11

Eigentlich musste doch inzwischen mehr als eine Minute vergangen sein. Warum schaltete die Anzeige nicht weiter? Da, die rettende Idee: Ich blickte auf meine Armbanduhr.

Beide Zeiger sorgfältig aufeinander - Mitternacht. Oder war da nur noch ein Zeiger? Und wo, bitte, war der Sekundenzeiger geblieben? Ich fühlte, wie die Haare in meinem Nacken sich aufstellten.

Aus den Augenwinkeln nahm ich die Anzeige am Herd wahr. Ich atmete auf. Sie hatte weitergeschaltet. Der Kessel pfiff, und ich füllte zuerst einmal meine Tasse. Dann blickte ich erneut und wieder entspannt auf die Zeitanzeige des Küchenherdes.

ES:EL

Die Armbanduhr? 10 nach 10, na, also doch nur Einbildung. Aber - was war aus der 11 und der 1 geworden? Zwei Augen. Eines davon zwinkerte. Und die Zeiger auf 10 und 2 - waren ein grinsender Mund.

Ich schnappte mir meine Teetasse, warf den Filter in die Spüle und zog mich ins Schlafzimmer zurück.

Erschöpft setzte ich mich aufs Bett, die Tasse fest umklammert, und schloss die Augen. Schluck für Schluck rann der Kräutertee durch meine Kehle, atmete ich den Duft ein, versuchte, mich zu beruhigen. Dann kam der Gedanke "Wecker". Mein Wecker ist funkgesteuert, hat eine Menge Anzeigen: Uhrzeit, Weckzeit, Datum, Temperatur. Ein kurzer Blick zur Seite, zum Nachttisch: Alles noch da.

Ich trank den Rest des Tees und stellte die Tasse ab. Dabei weilten meine Augen etwas länger auf dem Wecker, streichelten ihn liebevoll. Uhrzeit, Weckzeit, Datum, Temperatur.

Ich sehe: HÄ:NG DI:CH DO.CH AU°F

Da riss ich mir die Armbanduhr herunter, schleuderte sie in die Zimmerecke, zog mir die Decke über den Kopf und beschloss, das Denken abzuschalten und zu schlafen. Das ist leider immer leichter beschlossen als ausgeführt, und nun sah ich sie alle zusammen vor meinem inneren Auge:

47:11 ES:EL Mitternacht 10h10 Grinsegesicht HÄ:NG DI:CH DO.CH AU°F

Irgendwann bin ich wohl doch eingeschlafen, jedenfalls kam ich heute Morgen zu mir, verschwitzt, zerdrückte Kleider, die ich ja nicht ausgezogen hatte, und die Erinnerung.

47:11 ES:EL Mitternacht 10h10 Grinsegesicht HÄ:NG DI:CH DO.CH AU°F

Ich biss die Zähne zusammen, schaute weder auf die Armbanduhr noch auf den Wecker und schlich erst einmal ins Bad. Kaltes Wasser. Heißes Wasser. Kaltes Wasser. Zähne schrubben. Noch einmal.

Halbwegs wiederhergestellt hörte ich die Türklingel. Mir war alles recht, was mich davon abhielt, auf eine meiner Uhren zu schauen, und so rannte ich zur Wohnungstür und öffnete sie erwartungsvoll.

"Ja?"

"Einen wunderschönen guten Morgen wünsche ich Ihnen, Frau Krause - Sie sind doch Frau Krause?"

Der große, schlanke, irgendwie dynamisch wirkende Mann blickte auf das Namensschild an meiner Tür. Meine Blicke folgten ihm unwillkürlich, und ich nickte bestätigend.

"Nun, liebe Frau Krause, sicher geht es auch Ihnen so: Wir sind alle Getriebene der Zeit. Daher stellt Ihnen die Firma JustInTime auf diesem Weg ihren neuesten Chronometer vor, und ich habe die Ehre, ihn Ihnen ex-klu-siv vorzuführen. Darf ich dazu kurz eintreten?"

In der Hand hielt er eine flache Schachtel mit durchsichtigem Deckel. Darunter war ein Zifferblatt mit allerlei Extras zu sehen. Ich wies mit zitterndem Finger darauf.

"Geht ... geht die?"

"Aber natürlich! Vollautomatisch, funkgesteuert, Langzeitbatterie, kinderleicht auf alle Weltzeitzonen umzustellen ..."

"Geht die genau? Jetzt?"

"Aber natürlich! Vollautomatisch, funkgesteuert, wischfest, wasserfest ..."

"Darf ... ich mal ... draufschauen?"

Er hob den Deckel an und präsentierte mir die Uhr.

"Aber natürlich! Das ist auch nicht einfach eine Uhr, das ist ein Chro-no-me-ter. Vollautomatisch, funkgesteuert ..."

Die Uhr zeigte 8 Uhr und 23 Minuten. Völlig unspektakulär. Statt eines Sekundenzeigers blinkten Pünktchen im äußersten Rand, die sich langsam zu einem Kreis schlossen. Andächtig streichelte ich über das Zifferblatt.

"Liebe Frau Krause, darf ich vielleicht kurz ..."

"Was soll sie kosten?"

"Nun, das Preisleistungsverhältnis ist kolossal, wenn man bedenkt ..."

"Wieviel?"

"Eintausendneunhundertneunundneunzig."

"So viel habe ich nicht im Haus."

"Aber verehrte Frau Krause, das macht doch nichts. Wir machen einen Ratenvertrag, Sie zahlen fünfhundert an, den Rest in bequemen Monatsraten zu 200 in zwölf Monaten. Lassen Sie mich Ihnen doch erst einmal erklären ..."

Ich warf ihm die Tür ins Gesicht, holte meine Brieftasche, fand tatsächlich fünf Hunderteuroscheine und rannte zur Tür zurück. Er hatte brav gewartet.

"Wo muss ich unterschreiben?"

Er hielt mir, diesmal wortlos, ein Formular und einen Kugelschreiber hin und wies auf eine Linie.

Ich kritzelte meinen Namen und griff gierig nach der Uhr. Er zog das Vertragsduplikat aus seiner Hülle und drückte es mir in die Hand:

"Hier rechts finden Sie unsere Kontonummer. Fällig jeweils zum Monatsersten. Steht alles drin."

Ich nickte nur und schloss wieder die Tür, nur noch Augen für die neue Uhr. Den Vertrag legte ich irgendwohin. Liebevoll beobachtete ich die neu erworbenen Anzeigen, oben analog und unten digital, sah die Pünktchen wandern und erfreute mich daran, dass es inzwischen 8 Uhr und 28 geworden war.

Zeit für Kaffee, fand ich und ging in die Küche, die Augen auf meinem neuen Schatz.

Wir üblich fiel in der Küche mein Blick auf die Zeitanzeige am Herd. 8:25. Die ging ja nach! Na ja, sie war ja auch nicht funkgesteuert. Mein Wecker müsste mit der neuen Uhr übereinstimmen. Ich ging ins Schlafzimmer, den Chronometer wie eine Trophäe in der Hand.

Der Wecker zeigte 8:30, genau wie jetzt auch der Chronometer.

Was für eine Freude. Von euch Uhren lasse ich mich doch nicht ...

Moment - sie stimmten ja alle! Wo war denn eigentlich meine Armbanduhr? Ach ja, ich hatte sie irgendwohin geworfen. Richtig, da lag sie an der Wand neben dem Schrank. Ich bückte mich. Sie zeigte kurz nach halb neun.

Ein weiterer Rundgang durch die Wohnung überzeugte mich, dass alle meine Uhren brav die richtige Zeit zeigten, mit den vertrauten kleinen, lieb gewordenen Ungenauigkeiten.

Zweitausend Euro für diese neue Uhr, die ich eigentlich gar nicht brauchte. Und wie war das mit den Monatsraten? Mir lief es heiß und kalt über den Rücken.

Grinseuhr Wo hatte ich noch den Vertrag hingelegt? Es gab doch so etwas wie Rücktrittsfristen von Haustürgeschäften. Ich blickte noch einmal auf den Chronometer - und ließ ihn beinahe fallen. Die analoge Anzeige zeigte grinsend zehn nach zehn, und darunter stand leuchtend klar zu lesen:

ES:EL


© Brigitte Hutt, Rosenmontag 2018

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