Brigitte Hutt - IT-Beraterin und Autorin

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Die Anzeige

Der Ausweg

Endlich. Kennen die mich, kennen die mein Haus? Ist das jetzt mein Ausweg? Susanne klopfte das Herz, als sie die Internetseite noch einmal über den Bildschirm gleiten ließ, auf den E-Mail-Link klickte. Jetzt oder nie, bevor sie wieder Bedenken bekam.

"Sehr geehrte Damen und Herren,
was Sie in Ihrer Anzeige auf www.gruselweg.de beschreiben, entspricht genau - genau!! - meiner Situation. Bitte helfen Sie mir.
Mit freundlichen Grüßen, Susanne Dammlig."

Sie schickte die E-Mail ab und begann zu zweifeln. Ob das alles nur ein Scherz war? Ob sich jetzt jemand königlich über das Dummchen Susanne amüsierte? Aber auch: Ob sie doch lieber gleich hätte anrufen sollen? Doch sie hatte Angst gehabt, dass ihr vor Aufregung die Stimme wegbrechen könnte.

Die ganze Nacht träumte sie von Geisterfängern, von Teufeln, von Fledermäusen, von Einbrechern, von Betrügern, von Termiten. Das heißt, sie träumte, wenn sie gerade einmal schlief. Ebenso oft lag sie wach, spürte ihr Herz klopfen, hörte es Knacken und Rascheln, Trippeln und Knurren, wie so oft. Nein, weg mit den Zweifeln, es war schon richtig gewesen, auf die Anzeige zu reagieren.

Am nächsten Tag war die Antwort da. Eine freundliche E-Mail, unterschrieben von einem Herrn Gründler, versprach ihr einen Hausbesuch, sie müsse nur einen Termin vereinbaren. Freudig, mit schon wieder klopfendem Herzen, wählte sie die angegebene Nummer, vereinbarte einen Termin für den übernächsten Abend, konnte es kaum erwarten.

Pünktlich um 18 Uhr klingelte es. Tante Elses etwas asthmatische Klingel hallte durch das Treppenhaus, dessen Dämmerlicht ihr schon immer Unbehagen verursacht hatte, seit sie in das Haus ihrer Großtante eingezogen war. Der junge Mann vor der Tür lächelte sie an, offen, freundlich, stellte sich mit Tobias Schleich vor und fragte, wo es denn bei ihr fehle.

Eigentlich fehle es nicht, antwortete Susanne und ließ ihn ein, eher sei da ein Zuviel. Sie wohne hier seit Tante Elses Tod, seit fast einem Jahr, und sie könne das Haus und seine Atmosphäre nicht besser beschreiben als gruselweg.de es in der Anzeige getan habe. Tobias Schleich nickte, Verständnis andeutend, und schaute sich im Treppenhaus um.

"Ähm, vielleicht einen Tee?", beeilte Susanne sich anzubieten.

"Nein, nein, danke, Frau Dammlig, ich möchte lieber das Haus erspüren. Ist es Ihnen recht, wenn ich mich einfach eine Weile umsehe? Hmm, möchten Sie vielleicht mitgehen? Ich meine, Sie kennen mich schließlich nicht."

Er lachte, etwas verlegen. Seine Zähne blitzten auf. Susannes Herz flog ihm zu. Verständnis, wie hatte ihr das gefehlt.

"Gehen Sie nur, gehen Sie herum", sagte sie und wies die Treppe hinauf und hinunter. "Es ist nichts abgeschlossen. Auch Keller und Dachboden nicht. Ich warte in der Küche auf Sie, hier rechts, in Ordnung?"

Tobias Schleich nickte nur, sein Gesicht voller Konzentration. Langsam ging er auf die Wohnzimmertür zu, die Hände ausgestreckt, als ob er tasten müsse. Seine etwas zotteligen Locken fielen ihm auf den Jack-Wolfskin-Rucksack - das war das letzte, was sie von ihm sah, eh sie in die Küche ging und Tee kochte.

Etwa eine Stunde später trat sie vorsichtig ins Treppenhaus und lauschte. Irgendwo knackte eine Diele (oder was immer), sonst hörte sie nichts.

"Herr Schleich?" Keine Antwort.

Geduld, sagte sie sich. Das Haus ist groß. Sie kochte einen weiteren Tee, Kamille zur Beruhigung, und machte sich ein Käsebrot. Gern hätte sie eine Wurst aus dem Keller geholt, aber sie wollte jetzt nichts tun, was Herrn Schleich beim Erspüren stören könnte.

Mit der Zeit wurde sie müde. Sie ließ die Zimmer des Hauses vor ihrem inneren Auge vorüberziehen und dachte, er müsse doch jetzt mal durch sein. Ein paar Minuten wartete sie noch, dann ging sie, entschlossen und behutsam, los. Wohnzimmer, Verandazimmer, Gästetoilette. Oben Schlafzimmer, vier an der Zahl, Bad, Toilette, Wäschekammer. Sie schämte sich fast, dass sie in die Schränke mit ihren Wertsachen schaute, aber es fehlte nichts. Alles sauber, ordentlich, unberührt, still. Wenn sie von dem üblichen Knacken, Rascheln und Klappern mal absah, das immer genau aus dem Zimmer nebenan zu kommen schien, welches aber immer leer war, wenn sie nachschaute.

"Herr Schleich?"

Sie holte tief Luft und betrat - zum allerersten Mal - die schmale Treppe zum Dachboden, drehte den altmodischen Lichtschalter an der Tür, blickte durch den Raum, in dem die Staubflocken tanzten, sah Truhen und Schränke, etwas Gerümpel auf dem Boden. Niemand. Es half nichts - vorsichtig öffnete sie einen Schrank nach dem anderen, eine Truhe nach der nächsten. Stoffe, ein paar Bücher, alles voller Stockflecken, altes Geschirr, teils zerbrochen, sonst nichts. Geraschel in der Ecke - ohne nachzudenken setzte sie mit einem Sprung dorthin: nichts.

Seufzend schaltete sie das Licht wieder aus, ging die Treppen hinab bis in den Keller, nicht ohne mehrfach nach ihrem Gast zu rufen.

Vorratskeller, Waschküche, Geräteraum - kein Mensch. Niemand, nicht einmal eine Maus. Am wenigsten Herr Schleich.

Susanne wurde es sehr mulmig zumute. Sie sprang die Treppe hinauf bis in ihr Schlafzimmer, schloss sich ein, schaute zitternd in den Schrank und unter das Bett, verkroch sich dann unter der Bettdecke, schlief, erschöpft wie sie war, ohne Unterbrechung bis zum Morgen.

Die Lichter brannten noch, wie sie sie hinterlassen hatte, alles schien unverändert, es war, als habe es Tobias Schleich nie gegeben.


Ende?
Oder doch noch nicht?





© Brigitte Hutt 2017

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