Brigitte Hutt - IT-Beraterin und Autorin

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Chalki am Abend

Chalki

Leise plätschert das Wasser gegen die Hafenmauern. Die Dämmerung sinkt herab. Die letzten Händler holen ihre Auslagen herein und fegen den Boden vor ihren Läden. Möwen suchen kreischend nach übriggebliebenen Leckerbissen. Katzen springen elegant hinter Mauern hervor und jagen sie ihnen ab. Dröhnend verlässt die letzte Fähre die Insel.

Laute, schnelle Schritte. Atemlos erreichen Paul und Anna die Uferpromenade, stoppen jäh, prallen beinahe aufeinander. Fassungslos starren sie der Fähre nach, die sich in einer langen Kurve entfernt.

"Verd…", knirscht Paul zwischen den Zähnen hervor, "und jetzt?"

Anna holt tief Luft und streicht sich die Haare aus dem Gesicht. "Hier gibt's doch sicher Hotels", sagt sie, halb fragend, "oder was meinst du?"

"Ich glaube, meine Meinung spielt hier weniger eine Rolle", knurrt Paul, "aber die paar Lira, die ich noch habe. Oder besser, die, die ich nicht habe."

Erschrocken streift Anna ihren Rucksack ab und fischt im Seitenfach nach ihrer Geldbörse. "Zwanzig, nein, zweiundzwanzig Lira, und fünfzig - wie heißt das Kleingeld noch mal?"

"Kurus, aber das hilft uns jetzt auch nichts." Paul spuckt wütend auf den Boden. Anna schüttelt langsam den Kopf und geht entmutigt zu einer der Sitzbänke, die die Promenade säumen. Sie plumpst darauf nieder und streckt die Beine von sich.

Kurz darauf setzt sich Paul neben sie und hält ihr einen Sesamkringel hin. "Hier, dafür hat es noch gereicht. Wasser müsstest dann du besorgen."

"Ich hab noch", entgegnet Anna, "und Schokoriegel. Aber - wo sollen wir die Nacht verbringen?"

"Keine Ahnung", entgegnet Paul, "aber im Sommer sind die Nächte hier mild. Und diese Bank ist ja nicht übel." Er kaut gemächlich ein Stück Sesambrot.

"Du spinnst ja!", ruft Anna, leichte Panik in der Stimme. Sie schaut sich um. Die Nacht hat endgültig Einzug gehalten, nur einige Laternen geben vereinzelt ein wenig Licht, und nur noch wenige Menschen sind unterwegs. Lokale sind noch geöffnet, aber mit 22 Lira?

Etwas streift Annas Nacken, und sie springt erschrocken auf. Von der Rückenlehne der Bank schauen sie zwei glühende Augen an.

"Was - was …", stammelt sie verwirrt. Paul folgt ihren Blicken und lacht. "Noch nie 'ne schwarze Katze im Dunkeln gesehen?"

Anna lacht nervös mit und setzt sich wieder. Auch sie nimmt ein Stück Sesamkringel und steckt es in den Mund. Als sie die linke Hand neben sich auf die Bank legt, fühlt sie weiches Fell. Diesmal erschrickt sie nicht mehr und blinzelt im Dunkeln nach ihrer neuen Nachbarin. Diese Katze ist rot und weiß gefleckt. Die hellen Fellhaare schimmern im trüben Laternenlicht. Als Anna sie vorsichtig streichelt, kuschelt die Katze sich behaglich zurecht.

Sie essen das Brot und geben den Katzen ein bisschen ab, woraufhin plötzlich mindestens ein halbes Dutzend leuchtende Augenpaare um sie herum sind.

"Nur Katzen. Es sind nur Katzen." Anna spricht beruhigend zu sich selbst.

Paul steht auf, klopft sich die Krümel von Hemd und Hose und streckt die Hand aus. "Komm, gib mir deine Lira, ich besorg uns was zu trinken."

"Du willst mich doch jetzt nicht allein lassen? Hier?" Jetzt liegt echte Panik in Annas Stimme.

Pauls schnaubt und weist in die Runde. "Was willst du? Sind doch nur Katzen hier!"

Anna gibt ihm seufzend ihren Geldbeutel, und er verschwindet im Dunkel. Vorsichtshalber zieht sie ihren Pullover aus dem Rucksack und kuschelt sich hinein. Als sie sich zurücklehnt, berührt sie wieder Katzenfell im Nacken. Vorsichtig lehnt sie ihren Kopf an das Tier und spürt ein sanftes Schnurren.

Sie ist wohl eingeschlafen, als ein lautes Knattern sie aufschreckt. Verwirrt schaut sie sich um und sieht die Positionslichter eines Hubschraubers, der sich von der Insel entfernt. Richtig, sie sitzen ja auf Chalki fest. Wo ist Paul? Niemand ist zu sehen, nur eine Katze zu ihren Füßen. Die anderen beiden auf der Bank, im Nacken und an ihrer linken Seite, sind auch noch da, sie spürt die warmen Körper. Eine Möwe kreischt ganz in der Nähe, und Anna zuckt zusammen. Die Katze links rückt näher, wie um Anna zu beruhigen.

Plötzlich ein Brummen von rechts. Sie sieht die Scheinwerfer eines Autos. Ein kleiner Laster fährt langsam vorbei, schimmert grün im Licht der Hafenlaternen. Seine Ladefläche ist offen, und sie sieht darauf ein langes Paket, mit grünem Tuch bedeckt. Wie ein Sarg, denkt sie unwillkürlich und erschrickt erneut. Sie schaut dem Auto noch entgeistert nach, als sie weiche Pfoten auf ihrem Arm spürt. Auch zu ihrer Rechten hockt nun eine Katze, schaut sie bewegungslos an, die Vorderpfoten immer noch auf Annas Unterarm, was seltsam entspannend wirkt.

Sie legt den Kopf wieder nach hinten, schließt die Augen und genießt die beruhigende Wärme des Tierfells hinter ihr.

"Alles gut?", fragt eine sehr, sehr weiche Stimme.

Anna schaut auf, blickt in Katzenaugen. Ich darf jetzt nicht hysterisch werden, denkt sie, wo zum Teufel bleibt Paul.

"Schlaf ein bisschen", hört sie die weiche Stimme erneut, und erschöpft schließt sie wieder die Augen, den Kopf an die Katze hinter ihr gebettet.

Ein tiefes, grollendes Knurren ist zu hören, wird langsam lauter. Anna ballt die Fäuste und presst die Augen zu. Nein, nein. Es reicht.

"Nein, Kamerad, lass das", ertönt da die weiche Stimme. Anna spürt, wie die Pfoten auf ihrem Arm sich bewegen, dann landet ein weiches Gewicht in ihrem Schoß. Nicht hinsehen, denkt sie, alles gut. Nur Katzen.

Das Knurren hört abrupt auf, nur um danach neu und drohender wieder einzusetzen.

"Hab keine Angst", sagt die weiche Stimme, und eine andere, ebenso weiche, aber sehr bestimmte Stimme sagt in Richtung des Knurrens: "Hör auf jetzt, du machst ihr Angst."

Nicht hinschauen, denkt Anna. Ich will gar nicht wissen, wer da spricht.

Das Knurren hört nicht auf. Plötzlich bewegt sich das weiche Fell links von ihr, sie spürt die flüchtige Berührung einer Kralle, hört ein tiefes Fauchen - dann wird das Knurren zu einem wütenden Gebell, das sich rasch entfernt. Ein ganz leiser Plumps auf der Bank, ein Kopf reibt sich an ihrem linken Arm, und die zweite Stimme sagt freundlich: "Jetzt ist Ruhe."

Die erste antwortet gelassen: "Wurde auch Zeit."

Stille. Vorsichtig öffnet Anna die Augen. Eine Katze links auf der Bank, eine auf ihrem Schoß, immer noch eine im Nacken. Die Katze auf ihrem Schoß hebt den Kopf, nickt ihr zu.

Nickt mir zu?! - Und wer, zum Teufel, hat da gesprochen? Werde ich jetzt verrückt? Anna richtet sich auf, atmet langsam und konzentriert durch und späht nach Paul aus.

"Nein, du wirst nicht verrückt", hört sie die weiche Stimme erneut, "wir passen doch auf."

Blitzschnell reißt Anna den Kopf herum. Niemand. Die Katze auf der Rückenlehne - oder besser: deren Augen, denn das dunkle Fell verschmilzt mit der Nacht - schaut sie gelangweilt an. Mit klopfendem Herzen lehnt Anna sich zurück und spürt dankbar das beruhigende Schnurren. Katze im Nacken, im Schoß, an der Seite. Sie entspannt sich.

"Anna! Raki und Wasser! Na, was sagst du?", hört sie plötzlich Paul, wieder gut gelaunt.

"Jetzt mach's gut", flüstert die weiche Stimme.

Anna schaut sich um. Keine Katze zu sehen. Paul steht grinsend unter der Laterne, zwei Flaschen schwenkend.

© Brigitte Hutt 2014, für Jamu und Fratello

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