Brigitte Hutt - IT-Beraterin und Autorin

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Hinter Gittern

Die Ermittlung oder: Nichts ist, wie es scheint

Sie spürte, wie sie mit den Zähnen knirschte und konzentrierte sich darauf, die Kiefermuskeln zu entspannen. Urteilsverkündung. Was für ein Wort. Wer hatte das Recht zu urteilen, wer durfte einen Stein werfen. Sie versuchte, langsam und gleichmäßig zu atmen. Bald würden sie kommen und sie holen, aber das war doch gar nicht mehr wichtig, warum also sich aufregen. Das Urteil war schon lange klar, schon lange eindeutig, die Gesellschaft hatte es längst gefällt. Wer war das eigentlich, die Gesellschaft? Die Menschen auf der Straße, die Politiker, die Medien? Was anderes konnten jetzt ihre Richter, die Abgesandten dieser Gesellschaft, die Experten des Rechts, entscheiden und verkünden?

Sie hatten sich redlich bemüht, das musste man anerkennen. Beweise geprüft, Zeugen gehört. Sie selbst war auch gehört worden, natürlich. Aber zu viel sprach gegen sie. Von Anfang an. Man durfte sich eben nicht fangen lassen, und am allerwenigsten mit einer Waffe in der Hand. Schon da war es für alle Zeugen, alle Ermittler, eindeutig gewesen. Aus genau dieser Waffe war geschossen worden, wahllos geschossen in den - nach allen demokratischen Grundsätzen - friedlichen Demonstrationszug.

Sie hatten sie "gestellt", ohne Gegenwehr, mit der Waffe in der Hand, das war für die Ermittler noch das Erstaunlichste gewesen. Wenn sie sich nun selbst "gerichtet" hätte, mit der Waffe, bevor die Beamten sie ihr entringen konnten, das wäre das Erwartete gewesen, dann wäre zwar noch genauso ermittelt worden, die Hintergründe wären ermittelt worden, und die Betroffenheit wäre ebenfalls da gewesen, in der Öffentlichkeit, aber das Gerichtsverfahren hätte sie ihnen damit erspart. Dem Steuerzahler erspart, so klagte eine viel gelesene Tageszeitung.

Wieder zog sie die Zähne voneinander. Wann kamen sie denn endlich, es musste doch mal ein Ende sein. Monatelang hatten sie Hintergründe recherchiert. Was sie da alles herausgefunden hatten. Wie sie damals Mehmet und Ayse kennengelernt hatte, wie sie sich dann immer intensiver mit dem Islam beschäftigt hatte. Wie sie mit der kleinen türkischen Gemeinde für einen Moscheebau gekämpft hatte. Mit Worten hatten sie gekämpft - dass für den Ernstfall Waffen parat gelegen hatten, das war heute weder zu beweisen noch zu widerlegen, die Gruppe war in alle Winde zerstreut. Abgetaucht, hatte die Zeitung geschrieben.

Ihre damaligen Freunde waren befragt worden, also die deutschen Freunde, die sie vor der Moscheegeschichte gehabt hatte. Alle hatten sich noch gut daran erinnern können, hatten erzählt, wie aus der ruhigen Frau eine so engagierte Kämpferin für den Islam geworden war, die selbst die gemütlichsten Gesprächsrunden sprengte, wenn jemand etwas auf "die" Türken oder "den" Islam geschoben hatte. Fast über Nacht war sie so geworden, wussten die alten Freunde zu berichten, fast wie umgedreht hatte sie gewirkt. Praktizierende Katholikin war sie gewesen, niemand hatte diesen Wandel für möglich gehalten.

Nachdem die Moscheegeschichte damals geplatzt war, so berichteten die Zeugen, war die heutige Angeklagte zwar wieder ein eigentlich unauffälliges Mitglied der Gesellschaft geworden, aber man habe noch immer aufpassen müssen, was man in ihrer Gegenwart sagte.

Vor allem, als dann die muslimischen Flüchtlinge das Land überschwemmten - sie habe das als Signal empfunden, das habe sie wortwörtlich gesagt, berichteten mehrere Zeugen unabhängig voneinander. Dass das zur Bedrohung der Gesellschaft, der Stabilität und Sicherheit, auch des Wohlstandes werden könne, habe sie vehement abgestritten.

Sie erhob sich in ihrer kleinen Zelle, um Rücken und Beine etwas zu strecken. Gut erinnerte sie sich an all diese Diskussionen, an die Fruchtlosigkeit, an die Verständnislosigkeit der Menschen, mit denen sie sie geführt hatte. Oft hatte sie sich gesagt, lass sie reden, lass sie einfach reden, es nützt doch nichts, du überzeugst sie nicht. Aber sie konnte nicht anders, ihre Meinung brach immer wieder aus ihr heraus, sie hatte immer gefunden, sie war es sich und ihrer Aufrichtigkeit schuldig, ebenso ihrem Glauben. Auch wenn sie damit so ziemlich alle Freunde verloren hatte. Man darf sich selbst nicht verlieren, hatte sie sich gesagt, und sie hatte schon damals oft mit den Zähnen geknirscht.

Im Wesentlichen hatte sie dann andere Wege gesucht, eigene Wege, eigene Kontakte geknüpft. Man musste nur sorgfältig suchen, nicht aufgeben, dann fand sich immer etwas, fand sich immer ein Weg, der sich richtig anfühlte, fanden sich auch Gleichgesinnte. Je mehr von denen sie fand, desto leichter fiel es ihr, im Alltag den Mund zu halten.

Schwieriger wurde es, als diese Montagsdemonstrationen nicht nur die Städte, sondern auch die Gespräche füllten. Gegen die Islamisierung. Wer wollte denn die braven Hiesigen islamisieren, was für ein Unfug. Und: Patrioten. Dieses Wort hatte sie schon immer zutiefst verabscheut. Wenn schon Wörter, die auf " ismus" endeten, etwas Negatives ausdrückten, warum dann nicht allen voran "Patriotismus"! Dass das, nach allen Wirrungen der Geschichte, jetzt wieder einen Wert darstellen sollte, brachte sie zur Weißglut. Leider konnte sie auch dazu nicht immer den Mund halten. Aber sie fand es einfach so dumm, das eigene Land als etwas Besseres, die eigenen Landsleute als die Besseren darzustellen. Und das auch noch zu glauben. Glauben! Darunter stellte sie sich weiß Gott etwas anderes vor, und Glauben ohne Werke war ihr ohnehin nur Blasphemie.

Sie lehnte sich an die Zellwand, spürte das Zittern in ihren Knien, schob die Zunge zwischen die Zähne, um sie zu trennen. Was soll's, das Urteil wird nichts Überraschendes mehr bringen. Wozu sich aufregen?

Die Zeugen hatten den Ermittlern auch berichten können, dass die Angeklagte anfangs zu Gegendemonstrationen gegangen war, dass sie aber bald davon Abstand genommen hätte, weil sie sich in der Menge so unwohl fühlte. Immer mehr sei sie zur Einzelgängerin geworden. Soziale Kontakte seien ihr nicht mehr wichtig gewesen, so schien es, nicht einmal die Sozialen Netzwerke im Internet. Zumindest hatte man sie dort nicht finden können, und die Versuche, sie dort hinter einem Decknamen zu enttarnen, hatten bei jedem vermeintlichen Treffer letztendlich doch im Nichts geendet. Sie musste tatsächlich lachen, als ihr das wieder einfiel in der Einsamkeit ihrer Zelle. Die Ermittler hatten Namen in Sozialen Medien durchleuchtet, die irgendetwas mit der Vita oder den Vorlieben ihrer Angeklagten zu tun hatten, aber immer waren sie dabei auf reale Personen gestoßen, die mit dem Fall anscheinend gar nichts zu tun hatten.

Schließlich hatte man entdeckt, dass die Angeklagte das fast schon klassische Medium E-Mail bevorzugte, und dass sie ihre Mailarchive nicht einmal besonders gut aufräumte oder gar verschlüsselte. Da kamen dann auch einschlägige Kontakte offen zutage: ihre Bemühungen um arabische Flüchtlinge, um Männer, die höchstens eine Duldung hatten oder nicht einmal das. Männer, deren Herkunft und Fluchtgeschichte nicht recht klar waren, im Dunkeln lagen. Männer, die man wiederum mit anderen in Verbindung bringen konnte, die in einschlägigen Unterkünften Gruppen bildeten, durchaus auch in der Nähe von Waffen vermutet werden konnten, illegalen natürlich.

Da ließen sich langsam die vielen Fäden der Ermittlung verknüpfen. Die Religiosität, das Engagement für den Islam, die Wut, das Vermeiden der alten Kontakte, das Knüpfen neuer, letztendlich, mutmaßlich, der Weg zu den Waffen. Und dann schließlich der Tatabend.

Montagskundgebung der Patrioten, Passanten am Straßenrand, Sicherheitsbeamte. Dann die Schüsse, wahllos in die Demonstranten, Schreie, Panik, stürzende Menschen. Schnell versuchten die Beamten die Richtung festzustellen, aus der die Schüsse kamen, fanden treffsicher das Gebäude mit der Dachterrasse, stürmten darauf zu. Und fanden schon vor dem Eingang sie, mit der noch warmen Waffe in der Hand. Mit wenigen Handgriffen war sie überwältigt und entwaffnet, wobei sich noch ein Schuss löste, der aber niemanden traf.

Ihr hilfloses Gestotter, aus dem Passanten wie Beamte nur heraushörten "lag da", "fiel da", "wollte nur", das konnte alles bedeuten. Ihre stereotyp wiederholte, nie widerrufene Aussage, sie habe nicht geschossen, war nicht unerwartet, war einfach der Versuch, den Kopf zu retten, war Feigheit. Das machte sie in den Augen der Öffentlichkeit nur noch unbeliebter.

Kein Zeuge, weder vor Ort noch unter Angehörigen oder Freunden, konnte sie glaubhaft entlasten, nichts konnte die Schmauchspuren an ihren Händen tilgen. Dass sie - nach eigener Aussage - nie schießen gelernt hatte, nie zuvor geschossen hatte, erklärte die recht stümperhafte Ausbeute der Tat, es hatte nur einige Verwundete gegeben.

Was die Gesellschaft am meisten empörte, war, dass die Radikalisierung nun schon dermaßen in ihrer Mitte angekommen war, unauffällige Landsleute ergriffen hatte.

Ein Schlüsselbund klirrte, und sie biss erneut die Zähne zusammen. Die Zellentür öffnete sich. Zur Urteilsverkündung.


© Brigitte Hutt Juli 2016

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