Brigitte Hutt - IT-Beraterin und Autorin

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Fernbus - Realsatire

Abenteuer Fernbus

Teil 1: München Dresden 8:35 - 15:25

Donnerstag 8:15

Hackerbrücke Busbahnhof. Haltebuchten, leer. Wo bitte fährt mein Bus nach Dresden? Ah, Station 13 hat zumindest die richtige Uhrzeit: 8:35. Und einen Zielbahnhof auf Rügen - das könnte über Dresden gehen. Einiges Herumspazieren fördert am entferntesten Bahnhofsende auch einen Fahrplan zutage: wahrlich, Bus 8:35 geht über Dresden nach Rügen. Am anderen Ende des Bahnhofs findet sich dann auch noch eine elektronische Anzeige, welcher Bus an welcher Station abfährt. Heureka, ich stehe richtig. 15 Minuten vor Abfahrt, wie erforderlich.

Donnerstag 8:45

Ich überlege: Das Fernbusunternehmen fordert die Passagiere bei der Buchung auf, 15 Minuten vor Abfahrtszeit an der Station zu sein. Und der Busfahrer - hat der auch eine ähnliche Aufforderung bekommen? Es entstehen leise Zweifel. Auf der Anzeige an Station 13 steht auch immer noch "8:35" - halt, nein!! Da steht "10 Uhr Prag"! Und jetzt? Ratlose Blicke werden zwischen den Wartenden gewechselt. Einer zückt sein Handy und sagt: "Hab grad eine Verspätungs-SMS erhalten, da steht "75 Minuten später!"

Oh je. In der Nachbarhaltebucht steht inzwischen ein Bus vom selben Unternehmen. Eine Frau aus meiner Dresdner Wartegruppe läuft hinüber zu dessen Fahrer, der sie beruhigt. Man werde sich kümmern. Und, siehe da! Ein junger Mann im busfarbenen Anorak kommt vorbei - nein, er schafft es nicht an uns vorbei, er wird aufgehalten. Befragt nach dem Verbleib unseres Busses sagt er: "30 Minuten Verspätung." Rückfrage: "Es kam eine SMS, die besagt 75 Minuten Verspätung - was ist nun richtig?" Antwort: "Davon weiß ich nichts." Zusatzfrage, er ist schon fast weg: "Und wo wird der Bus dann abfahren?" Mit leicht verzweifeltem Blick: "Vermutlich hier." Weg ist er. Busse kommen, fahren wieder ab. Nicht unserer.

Donnerstag 9:15

8:35 Abfahrt plus 30 Minuten Verspätung - also zumindest das hat nicht gestimmt. Einer der Wartenden versucht wiederholt, die Hotline anzurufen, aber mehr als die Mailbox erreicht er nicht. Die elektronische Stationsanzeige - man pendelt immer mal wieder hin - aktualisiert sich regelmäßig, zeigt aber unseren Bus nicht an. Der Herr im busfarbenen Anorak kommt wieder vorbei. Diesmal wirklich "vorbei", denn die Fragen der Wartenden ignoriert er.

Donnerstag 9:30

Der junge Mann erreicht endlich die Hotline. Er erzählt von der Verspätungs-SMS und der Auskunft und fragt höflich, mit was wir denn nun rechnen können und warum. Wenn man die Beladezeiten berücksichtigt, können ja auch die 75 Minuten nicht mehr gehalten werden. Antwort des Hotline-Mitarbeiters: "Nennen Sie mir Ihre Buchungsnummer." Der Mann entfaltet seine Fahrtpapiere und diktiert die Nummer. Daraufhin erfährt er, dass die Verspätung aufgrund der gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeiten zustande kommt. Mehr nicht.

Donnerstag 9:45

Der - wievielte? - Bus kommt um die Ecke, fährt Station 13 an. Natürlich ist es nicht unserer, sondern der für 10 Uhr geplante. Entladen, beladen, weg. Pendeln zur elektronischen Anzeige: Kein Rügenbus.

Donnerstag 10:05

Ein Bus der richtigen Farbe rollt in den Bahnhof. Sehnsüchtig schauen wir hinüber. Er biegt in die - in die - 13 ein! Wir schauen uns gegenseitig an: ein Traum ist wahr geworden.

Donnerstag 10:20

Der Bus rollt.

Donnerstag 10:40

Einer der beiden Busfahrer begrüßt höflich die Fahrgäste und erklärt, er und sein Kollege seien gestern Abend wegen Stau sehr spät aus Berlin angekommen, hätten dann dem Unternehmen gemeldet, dass sie aufgrund der gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeiten nicht um 8:35 wieder fahren könnten, und wir hätten daraufhin ja alle eine Verspätungs-SMS erhalten. Mit der Grübelei, wieso diese SMS erst morgens um 8:45 angekommen ist, lässt er uns allein.

Donnerstag 11:00

Grübeleien brauchen Zeit, und die bekommen wir, denn auf der Autobahn ist Stau.

Donnerstag irgendwann

Der Stau vergeht, wir gleiten dahin. Die Hinweise für die Reise wie Anschnallpflicht, Versorgung an Bord, WLAN, Toilette wiederholt der Fahrer nach dem Halt in Regensburg. Nach Chemnitz dann nicht mehr. Sind hier lauter Busprofis zugestiegen, so dass es nicht nötig ist?

Donnerstag 17:15

Dresden Bf Neustadt. Geplante Ankunftszeit 15.25


Teil 2: Dresden München 11:05 - 17:45

Sonntag 10:45

Dresden Bf Neustadt. Ein Bus in der richtigen Farbe wird gerade beladen. Seine Zielanzeige besagt "Frankfurt". Ist ja auch noch Zeit. Vorsichtshalber fragt man mal den Fahrer: Nein, erfährt nicht nach München. Abfahrt nach München ist ja auch erst 11:05, er fährt gegen 11 Uhr los.

Sonntag 11:05

?

Sonntag 11:15

Der richtige Bus kommt! Alles wird gut, was sind schon die paar Minuten Verspätung. Schnell ist er beladen (wenn alle es selbst machen und dann auch noch ökonomisch), los geht's. Dresden Hbf, Chemnitz, Zwickau. Auch hier die Hinweise für die Reise, und erstaunlicherweise erfährt man was Neues, aber dafür ist nicht alles dabei, was auf der Hinreise gesagt wurde. Und: Ab Chemnitz steigen wohl wieder nur Busprofis zu, denn jetzt werden die Hinweise nicht mehr wiederholt.

Sonntag 13:30

"Liebe Fahrgäste, seit Berlin sind wir nun viereinhalb Stunden unterwegs, daher muss ich jetzt die vorgeschriebene Ruhezeit einlegen. Ich werde einen Rasthof kurz hinter Zwickau anfahren. Bitte verlassen Sie dann alle den Bus, denn ich werde ihn abschließen und selbst Pause machen. Die genaue Weiterfahrt sage ich Ihnen, wenn wir dort ankommen."

Sonntag 14:10

Alle sitzen wieder brav im Bus, und kurz darauf fährt er auch an. Wieder Stoff zum Grübeln: ist nun diese halbe Stunde in der Fahrzeit eingeplant gewesen? Ansagen dazu gibt es nicht. Na, lassen wir den Fahrer in Ruhe und Konzentration fahren, ändern können wir sowieso nichts. Auf dieser Fahrt ist kein Kollege dabei, den man fragen könnte. Was ist schon eine halbe Stunde.

Sonntag 15:25

Der Bus rollt auf einen Parkplatz hinter einer Tankstelle. Als ich das letzte Mal aufgeschaut habe, waren es noch gut 100 km bis Regensburg, und das ist noch nicht lange her. Was tun wir hier?

"Liebe Fahrgäste, wir warten hier auf einen Ablösefahrer. Das hat den Vorteil, dass wir dann bis München durchfahren können. Leider steckt der Ablösefahrer noch im Stau von Regensburg hierher. Wir werden hier also 20 bis 25 Minuten warten müssen. Sie können aussteigen oder sitzen bleiben, wie Sie mögen."

Sonntag 16:00

"Liebe Fahrgäste, der Fahrer steckt immer noch im Stau, es wird noch ca. 20 Minuten dauern. Falls jemand in München einen Anschluss erreichen muss - hier vorn sind Gäste, die nach Innsbruck fahren - wird die Firma sich melden."

Sonntag 16:20

Der Zeitvertreib, die Korrektheit der letzten abgegebenen Prognose einzuschätzen, hat ein Ende: ein Bus in den richtigen Farben erreicht den Parkplatz. Der Ablösefahrer ist da.

Sonntag 16:40

Aha, dies ist der Stau. Oder zumindest ein Stau.

Sonntag 17:30

Das blaue Schild am Straßenrand besagt: Regensburg 70 km.

Sonntag 17:45

Dies ist die planmäßige Ankunftszeit in München, aber wir sind noch 30 km vor Regensburg. Ich benutze mal die Toilette, von der der höfliche Fahrer gesagt hat, "bitte nur auf der Autobahn". Aufrecht stehen kann ich hier nicht (ich bin 1,65 m groß) und - au! - aufrecht sitzen auch nicht. Komisch, auf der Hinfahrt ging das besser. Bin ich gewachsen? Aber dafür gibt es jetzt ausreichend Toilettenpapier.

Sonntag 18:30

Abfahrt von Regensburg, eine Reihe Kirchentagsbesucher sind zugestiegen, einige recht durchgefroren. Der Fahrer entschuldigt (!) sich für die Verspätung, die "planerische Gründe" habe. Wer ab München noch eine Weiterfahrt habe (gemeint ist Bus, selbe Firma, das lässt er unerwähnt), möge sich über die Hotline-Nummer selbständig in der Zentrale melden, dann organisiere die Firma die Weiterfahrt. Um 22 Uhr (Für alle? Gleiches Ziel, gleicher Bus?). Er nennt uns sogar (!) die voraussichtliche Ankunft in München: 20 Uhr. Ein spezieller Luxus, über den man sich doch freut.

Und was sagt die Hotline: Mailbox, "Bitte versuchen Sie es später noch mal".

Sonntag 19:45

Von den vier im vorderen Busteil sitzenden Weiterfahrenden, die alle nach Innsbruck wollen, hat der Fahrer mutig geschlossen, dass es den im hinteren Busteil sitzenden Weiterfahrenden ebenso geht. Die aber müssen nach Freiburg oder Konstanz. Nach einigem Hin-und-Her-Telefonieren stellen sie fest, dass für sie kein Anschluss mehr organisiert wird. Sie haben zwei Möglichkeiten: Nachtzug ab 23 Uhr für 70 EUR oder geteilter Mietwagen, was die einzelnen billiger käme. Wer prägte noch den Satz "Ich kann es mir nicht leisten, billig zu kaufen"?

Wir haben die Autobahn verlassen und sind im Großraum München. Vor der Toilette bildet sich eine Schlange, denn sie ist versperrt. Nach einer Weile merken die Fahrgäste, dass es nicht daran liegt, dass sie besetzt ist. Doch keine Busprofis?

Sonntag 20:10

München Busbahnhof Hackerbrücke. Hurra! Nur 10 Minuten Verspätung (zur letzten Prognose)


Teil 3: Am Morgen danach

Dies ist ein Stück reales Leben. Alle genannten Zeiten sind "echt", plusminus 5 Minuten - aber das kann man ja nicht als relevant ansehen. Oder?

Dies ist auch kein Beschwerdebericht. Aber wenn ich mich mal wieder über die Bahn ärgere, werde ich hier hineinschauen und dann genießen: Anschlagtafeln, Informationen und die Möglichkeit, auf dem Bahnhof heiße Getränke und Sitzbänke in Reichweite zu haben.

© Brigitte Hutt 2014

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