Brigitte Hutt - IT-Beraterin und Autorin

Home
Texte
Dialog
Jordanland

Flucht

Mein Name ist Yusuf, und ich habe Glück gehabt.

Ich komme aus Syrien, oder genau genommen aus dem Libanon. Das heißt, geboren bin ich in Jenin, das ist in Palästina. Das Land Palästina gibt es eigentlich gar nicht, also irgendwie doch, aber dann doch wieder nicht. Jedenfalls sind meine Eltern Palästinenser, und deshalb bin ich es auch. Und meine kleinen Geschwister auch.

Jenin ist nicht richtig eine Stadt, eher ein Lager, und mein Vater wollte raus aus Jenin. Seine Familie war da, alles, was er kannte, was er liebte, aber es war so ausweglos, so chancenlos, dort zu leben. Und er hat es geschafft. Er hat meine Mutter und mich in den Libanon gebracht, und dort hat er es bis zum Ingenieur geschafft, und meine Geschwister wurden geboren, und es war gut.

Aber meine Mutter wurde sehr krank, und mein Bruder auch. Es war schwierig für uns damals, obwohl ich das gar nicht richtig verstanden habe, ich war ja noch ein Kind. Kein Geld für Behandlungen, Mutter hätte sterben müssen, mein Bruder auch. Vater hat nicht aufgegeben, und er hat eine Möglichkeit gefunden, in Syrien, und deshalb sind wir dorthin gezogen. Vater hatte gute Arbeit, und es gab gute Ärzte. Mein Bruder wurde wieder gesund. Meine Mutter nicht ganz, aber es ging.

Und dann gingen die Kämpfe los. Es gab Krieg in Syrien, nicht Krieg gegen ein anderes Land, einfach Krieg. Mit Bomben und Angst.

Eine Weile ging es noch für uns, aber Vater verlor seine Arbeit, wir mussten umziehen, mussten in ein Lager. Ein Lager wie Jenin, nur voller. Wir waren keine Syrer, wir waren Palästinenser, das wurde uns klar gemacht, und das Leben war ungefähr so schwierig wie in Palästina. An Schule war bald nicht mehr zu denken. Ich fand das zuerst gar nicht übel, es blieb mehr Zeit zum Fußballspielen, aber dann war es auch aus mit dem Fußballspielen. Bomben zerstörten die Häuser, auch unser Haus. Auch meine kleine Schwester.

Wir zogen weiter, zusammen mit anderen Familien in ein anderes Haus, irgendwie ging es. Bomben gab es immer, es hörte nicht auf. Mutter ging es wieder schlechter, und ich vermisste sogar die Schule.

Vater versuchte, ein neues Zuhause für uns zu finden, eine neue Arbeit, aber es gelang ihm nicht.

Irgendwann lernte er Leute kennen, die mit Lastwagen nach Europa durchkommen wollten. Sie versteckten gegen Geld Menschen unter der Fracht. Vater schickte mich und meinen Bruder mit. Mutter weinte, und wir hatten große Angst, aber Vater meinte, es müsse so sein, es sei besser so. Ich weiß nicht, ob meine Eltern noch leben.

Ich habe Glück gehabt. Es ging durch die Türkei, dann in immer wieder anderen Lastwagen durch viele Länder, ich weiß gar nicht alle Namen. Heute lerne ich sie in der Schule und staune, durch wie viele Staaten wir gekommen sind. Immer weiter, weiter. Wir mussten oft tagelang zu Fuß gehen, und verstecken mussten wir uns immer, ob im Lastwagen oder im Gebüsch. Manchmal auch in Scheunen oder Ställen. Hunger hatten wir auch, meistens. Aber ich habe Glück gehabt.

Auf einer schlechten Landstraße hatte der Laster, in dem wir lagen, eine Panne. Der Fahrer fluchte, weil er das nicht reparieren konnte. Dann scheuchte er uns davon, meinen Bruder und mich. Wir wollten nicht gehen, wir wussten ja nicht, wohin, da zog er ein Gewehr aus der Fahrerkabine und schoss. Schoss in die Luft. Mein Bruder schrie und rannte los. Rannte und lief vor einen anderen Laster. Ich habe gesehen, wie er hochgestoßen wurde, wie er fiel, wie der Laster über ihn fuhr. Ich sehe es immer noch, fast jede Nacht.

Ich bin gelaufen, gelaufen, gelaufen. Habe mich versteckt, Körner gegessen, Brot gestohlen, bin gelaufen. Irgendwann war ich so müde, dass ich mich nicht mehr verstecken konnte. Ich bin einfach eingeschlafen.

Als ich aufgewacht bin, lag ich wieder in einem Auto, jemand saß neben mir und sprach mit mir. Ich habe kein Wort verstanden und bin wieder eingeschlafen.

Dann lag ich in einem Krankenbett. So etwas kannte ich noch von meiner Mutter, von früher. Aber die Leute in den sauberen weißen Hemden konnte ich auch nicht verstehen. Ich habe lieber wieder geschlafen, viel geschlafen.

Sie haben mich untersucht, getestet, befragt. Genau weiß ich es nicht. Es kam auch einer, der meine Sprache sprach. Aber das war mir alles ziemlich egal, ich habe mich nur gewundert, wieso ich noch lebe. Aber ich lebte tatsächlich, und ich habe Glück gehabt.

Jetzt bin ich hier in einem Haus mit vielen anderen Kindern und jungen Leuten. Ich habe auch angefangen, die Sprache zu verstehen. Es gibt wieder Schule, und viele hier sprechen unterschiedliche Sprachen, aber wir lernen. Die Sprache hier ist einfach, die Schrift noch einfacher. Es gibt auch einen Computer hier, und wer einigermaßen lesen und schreiben kann, darf ihn manchmal benutzen.

Tom, der hier arbeitet, hat mir gezeigt, wie man Computer benutzt. Manchmal male ich. Das geht richtig gut mit dem Computer. Ich kann die Farben explodieren lassen, ganz schnell. Rot wie Blut, gelb wie Explosionen, schwarz wie Nacht. Das tut gut. Ich denke an meine Eltern, und das tut weh im Bauch, dann male ich grün wie Blätter und Oliven, und dann lasse ich Bomben explodieren. Ich sehe meinen Bruder, wie er fällt, und dann mache ich alles rot wie Blut. Und dann schwarz, Schlaf. Ich kann eine ganze Stunde lang Bomben, Explosionen und Blut machen, aber nichts macht Krach und nichts tut weh, das ist schön. Und danach kann ich schlafen. Ich habe Glück gehabt.

Tom hat mir auch gezeigt, wie ich mit Leuten in der ganzen Welt reden kann. Na ja, nicht eigentlich reden, das habe ich nicht mehr getan, seit ich meinen Bruder da auf der Straße gesehen habe. Aber ich tippe Wörter ein, schicke sie zu anderen Menschen, und die antworten. Ich tippe dann:

Mein Name ist Yusuf, und ich habe Glück gehabt.

© Brigitte Hutt Juni 2015

zurück