Brigitte Hutt - IT-Beraterin und Autorin

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7 Jahre

Fremdwörter leicht gemacht

"Und was wünschst du dir zum Geburtstag, Clara?"

"Ach, am liebsten hätte ich - ein Poponeh."

"Ein was?"

"Ein Poponeh. Mit Glitzer!"

"Oh. Ja." Patentante sein ist nicht immer einfach. Zumindest nicht mehr, wenn die Kinder in ihr ganz eigenes öffentliches Leben hinaustreten und unweigerlich eine Sprache lernen und sprechen, die die Generation davor nicht recht nachvollziehen kann. Aber Corinna war fest entschlossen, sich als modern und aufgeschlossen zu erweisen, koste es, was es wolle.

Poponeh. Das erste war natürlich, im allgegenwärtigen und allwissenden Internet zu suchen. Fehlanzeige. Es gab das italienische popone, das definitiv nicht auf dem abschließenden e betont wurde, und es gab Pooneh, das aus einem sehr anderen Sprachbereich stammte, und das zweite "po" in Klaras Wunsch war deutlich gewesen. Auch einige weitere Recherchen auf Websites, die etwas mit Kindern zu tun hatten, waren ergebnislos, führten höchstens zu "Popsongs" oder "Popeye". Den letzteren kannte Corinna noch aus ihrer eigenen Kindheit, der war damals schon nichts Neues gewesen. Na gut, musste sie sich halt outen. Sie ging tapfer in ein Fachgeschäft "Alles fürs Kind" und erkundigte sich.

"Poponeh?" Die schmucke Verkäuferin schaute sehr ratlos. "Und die Kleine wird sieben? Fragen Sie mal in der Spielwarenabteilung, vielleicht wissen die mehr."

Corinna fragte sich durch. Nicht nur in der Spielwarenabteilung, auch in einem Sportfachgeschäft, bei Schreibwaren und Schulbedarf, bei Süßigkeiten und in der angesagtesten Boutique der Stadt. Fehlanzeige.

Zuletzt, nur noch eine gute Woche vor Klaras Geburtstag, rief sie Klaras Mutter an. Die wenigstens wirkte immer so, als ob sie die Spezialausdrücke ihrer immerhin drei Kinder perfekt drauf hätte. Aber auf die Frage nach Poponeh kam nur eine lange Pause.

"Was soll das sein?"

"Das frage ich ja dich!", rief Corinna verzweifelt. "Sie wünscht es sich, und ich kriege nicht heraus, was es ist!"

"Warte, ich frage ihren großen Bruder, das könnte uns weiterbringen. Aber ich sage dir gleich, wenn es was Schweinisches ist, dann verbiete ich es! Ich rufe zurück."

Was Schweinisches, daran hatte Corinna ja noch gar nicht gedacht. Sollte sie bei oh nein, doch bitte nicht. Das Kind war doch erst sieben. Wurde sieben.

Am Abend kam der Rückruf, aber er war enttäuschend. Weder der große Bruder noch das Nachbarskind hatten auf die beiläufige Erwähnung des Begriffs Poponeh etwas beisteuern können.

Corinna gab sich einen Ruck und rief im Internet Webseiten auf, die zumindest sie selbst als "Schweinisch" eingestuft hätte. Doch auch diese Suche brachte sie nicht einen Schritt weiter.

Der Geburtstag kam heran. Es war ein Samstag, und Corinna hatte einen Entschluss gefasst. Sie fuhr zu Klaras Familie, gleich nach dem Frühstück, zog noch schnell Bargeld aus dem Automaten an der Ecke und verkündete ihre Überraschung: "Klara, ich hab mir das folgende überlegt. Wir beide, nur wir beide, wir gehen jetzt shoppen. Schau, ich habe Geld geholt, und nun kannst du dir selbst was aussuchen. Na, wie ist das? Ein Poponeh, oder was du willst. Wo immer es das gibt."

Klara antwortete nicht gleich, sondern schaute ihr interessiert zu, wie sie die Scheine, etwas hastig und ungeschickt, in ihrem roten Geldbeutel verstaute.

Dann sagte sie: "Deins ist doch ganz hübsch, wo hast du denn das her?"

Corinna starrte sie verständnislos an. "Mein was?"

"Na ja, Glitzer hat es keins, aber rot ist auch schön!"

Corinna schaute das Kind an, folgte ihren Blicken, sah auf ihren Geldbeutel.

"Portemonnaie?", fragte sie schließlich langsam und vorsichtig.

"Ja", rief Klara ungeduldig, "sage ich doch! Poponeh!"

© Brigitte Hutt 2018, nach einem wahren Missverständnis

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