Brigitte Hutt - IT-Beraterin und Autorin

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Ein langer Gang ...

Der letzte Gang

Grau, kahl, kalt. Beton? Stahl? Auf jeden Fall kalt, ungemütlich. Zu viert geleiten sie ihn durch den Gang, zwei auf jeder Seite. Als ob es hier einen Abweg gäbe.

Vorne die Wand, der Gang biegt nach rechts ab. Hier ist er ein wenig breiter, wodurch das Licht der kleinen, hohen Lampen noch dünner wirkt. Die Schritte hallen, sonst ist kein Geräusch zu hören. Ob draußen noch Tageslicht zu sehen ist?

Die Treppe nach oben. Was für eine Ironie, dass das Wort "aufwärts" für so viel Positives steht. Jetzt gehen beziehungsweise steigen zwei vor ihm, zwei hinter ihm. Der erste öffnet oben die Tür, lässt ihn und die anderen hindurch. Dann formieren sie sich wieder zu seinen Seiten. Die Tür fällt zu, mit jenem satten, endgültigen Geräusch, das an einen schallgedämpften Schuss erinnert. Heißt es nicht, dass Menschen, die einen Unfall erleiden, die abstürzen, ihr ganzes Leben in Sekundenschnelle noch einmal erleben?

Nun, dies hier ist kein Unfall. Dies ist Plan, und dies ist der Gang, den er gehen muss.

Marianne. Ob sie an ihn denkt, auf ihn wartet? Ob ihr Herz so hart schlägt wie seines, ihr Mund ebenso trocken ist?

Wieder eine Biegung. Hier hat der Gang endlich Fenster, wenn auch nur diese schmalen, unfreundlichen, die auch noch mit Jalousien verschlossen sind. Aber es dringen Geräusche durch, schwache nur, doch sie lassen die bisherige Stille nur umso heftiger nachhallen. Links die Tür, hinter der, er weiß es, der Ausgang zu finden ist. Verschlossen ist sie, und der Zug zieht ohne Zögern, ohne Pause vorbei. Geradeaus schimmert die Glastür, schimmert von der Lampe dahinter, schimmert verheißungsvoll. Aber es gibt keine Verheißung, es gibt nur den Gang. Es wartet nur das Urteil. Kein Erbarmen. Zwei seiner Begleiter schieben die Flügel der Glastür auf, und er tritt hindurch. Fünf Schritte, dann steht er vor der letzten Treppe. Breiter, mit Geländer, ein Halt, beinahe einladend. Einladend wozu?

Bringen wir es hinter uns. Er will seinen Schritt beschleunigen, aber die Beine sind schwer wie Blei, gehorchen nicht. Einer seiner Begleiter schaut ihn an. Er nickt und setzt den Fuß auf die unterste Treppenstufe. Eine, zwei, drei steigt er hinauf, dann sieht er oben einen Kopf. Die letzten Stufen, Wende nach links, die Wand. Jemand weist ihm den Weg durch das Dämmerlicht hier hinten.

Er geht ihn, er kennt ihn. Er sammelt sich. Der Vorhang reißt auf, blendendes Licht, donnernder Applaus. Wieder einmal angekommen.


© Brigitte Hutt, August 2017

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