Brigitte Hutt - IT-Beraterin und Autorin

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Glücksmoment Brückenschoppen in Würzburg

Kleines Glück

Eine Zeitschrift für "die Frau ab 60" möchte Momentaufnahmen zum Thema "Kleines Glück" sammeln, Glücksmomente von Frauen ab 60. Ich bin eine davon, aber was fällt mir dazu ein? Die Ausschreibung gibt Tipps: "In welchem Moment habe ich

Oh je. Solche Momente habe ich durchaus erlebt, aber da war ich noch jünger. Derzeit sehe ich in jeder aufblühenden Knospe bereits das Verwelken, spüre in jedem Sonnenstrahl den nächsten Regentag. Ist das das Alter, oder bin ich einfach so?

Und kurz sollen die Momente, die Berichte sein - meine guten Momente sind aber alle höchst kontextbezogen, haben eine Vorgeschichte. Wie die Freundschaft, die unerwartet über eine Tagung entstand, wie der Augenblick, in dem ich mit viel Mut einen öffentlichen unberechtigten Vorwurf öffentlich zurückgewiesen habe. Wenn mein irakischer Sprachschüler Fortschritte macht. Wenn mir mitten in der Nacht ein guter Gedanke kommt, ich ihn aufschreibe um wieder schlafen zu können, und am nächsten Morgen finde ich ihn immer noch gut. Und so weiter. Aber nie ist das kurz, immer hat es eine Vorgeschichte.

Glücksmomente. Ja, die gibt es. Letzte Woche, im Bett. Mit dem Mann, mit dem ich seit 40 Jahren zusammen bin. Wir haben nicht mehr oft Sex, aber es ist immer gut, und manchmal einfach - wow.

Aber ist das ein Thema für "die Frau ab 60"? Jedenfalls passt es nicht zur Tippliste. Obwohl - da habe ich die "Schönheit des Augenblicks genossen" und sogar "mich mit mir selbst verbunden gefühlt". Aber eben auch kontextbezogen. Kann man das kurzfassen?

Glücksmomente. Ich lese die Ausschreibung noch einmal. Die Zeitschrift ist neu, und sie hat ein "Wir" im Namen. Plötzlich werde ich kribbelig. Wieso ist ein "Wir" ein passendes Merkmal für die Frau ab 60? Wir? Mein ganzes Leben habe ich in "wir" gedacht. Als gehorsame Tochter, als Teenager im Gruppenzwang, für die Rentenversicherung, für die Familie, für die Kinder, dann für die alten Eltern. Bevor ich selber alt werde, bevor ich nicht mehr selbstbestimmt leben kann, möchte ich wenigstens einmal, wenigstens jetzt, mich selbst bestimmen, möchte "ich" sein, nicht "wir".

Da habe ich einen Glücksmoment: Ich freue mich unbändig, dass ich "ich" sein darf, zumindest in meinen Träumen, in dem, was ich schreibe, "ich" und nur "ich". Ohne damit jemanden zu brüskieren oder jemandem zu schaden. Wenn ich den zweiten Satz weglasse, klingt es egoistischer als ich es meine - also schon wieder kontextbezogen

Vielleicht ist das meine ganz persönliche Lebenserfahrung: Ich bin nicht kontextfrei, nicht verantwortungsfrei, nicht einmal in meinen besten Momenten. Genau das ist Leben - eingebettet sein in Gutes und Schlechtes. Und ich bin glücklich, das erkannt zu haben. In fast 500 Wörtern.

© Brigitte Hutt 2016

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