Brigitte Hutt - IT-Beraterin und Autorin

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Minarett und Kirchturm – Jerusalem

Inschallah und das christliche Abendland

Gläubige Muslime flechten das Wort "Inschallah" in ganz alltägliche Sätze ein. So Gott will – ein kleines Gebet, schnell gesagt, sicher oft gedankenlos und aus Gewohnheit, ebenso oft wohl aus ganzem Herzen. So Gott will – Hoffnung, Vertrauen, und das Wissen darum, dass nicht alles in unserer Hand liegt.

Szenenwechsel: München, traditionsbewusst, katholisch, in Zeiten der Angst vor islammissbrauchendem Terror sich intensiv berufend auf die christliche Tradition. Eine Runde von Müttern und Großmüttern sitzt zusammen, und die Rede kommt auf das alte Wiegenlied "Guten Abend, gut Nacht", dessen erste Strophe endet auf "Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt".

"Das kann ich nicht singen", sagt Juliane, heftig. "So Gott will. Das klingt ja – als ob er vielleicht nicht will! Fürchterlich."

Rosi hat einen guten Tipp dafür: "Ich singe dann immer ‚Wenn du willst'."

Da wäre es gewesen, das "Inschallah" unserer, der christlichen deutschsprachigen Kultur. So Gott will: Hoffnung, Vertrauen, und das Wissen darum, dass nicht alles in unserer Hand liegt. Was ist daraus geworden? In diesem Gespräch jedenfalls Angst, Misstrauen und der Wunsch, dass alles in unserer Hand liegen möge. Oder sogar der direkte Glaube, dass es so ist: Wenn du willst.

Angst vor dem Tod statt Hoffnung auf Erwachen – verständlich, aber der Entspannung vor dem Einschlafen und der Lebensfreude nicht eben zuträglich. Und ändern? Ändern können wir ohnehin nicht, dass wir irgendwann nicht wieder aufwachen. Kinder haben in der Regel kein Problem mit dieser Liedzeile. Entweder sie wachsen mit dem Bild eines liebenden Gottes auf, oder sie verstehen die Endgültigkeit des Todes nicht, noch lange nicht. Kinder spielen sogar gern mal mit dem Begriff "Tod", der für sie aber immer in ein "wieder lebendig werden" mündet. Erwachsenen fällt es schwer, das als Spiel zu akzeptieren. Wenn die Kinder die erste Todeserfahrung in ihrer Umgebung machen, ändert sich das, der Tod wird ihnen unheimlich. Umso mehr wünschen sie sich jemanden, der mächtig genug ist, sie davor zu bewahren, dem sie vertrauen können.

In unserer Erwachsenenwelt herrscht Misstrauen vor statt Vertrauen. Misstrauen gegen … ja, gegen wen? Unsere zwei Gesprächsteilnehmerinnen betonen gern, dass sie mit Religion "nichts am Hut" haben; Juliane findet Religion veraltet, Rosi sogar lächerlich. Sie sind bekennende A-Theisten, können ohne den Gedanken an Gott leben. Warum misstrauen sie ihm dann? Warum können sie das alte Bild des liebenden Gottes, der das Kind schon wieder wecken wollen wird, nicht einfach stehen lassen?

Gern wird Atheismus damit begründet, dass man nicht an einen Gott glauben könne, der die Gräuel zulässt, die wir erfahren, von Auschwitz bis zum Syrienkrieg. Aber die Gräuel sind Menschenwerk – machen wir es uns nicht zu einfach, ihr Geschehen Gott zuzuschreiben und ihn dann zu leugnen? Genau da wird es jedoch schwierig, denn genau dann müssten wir zugeben, dass all dieses Grauen menschengemacht ist …

Uralt ist der Wunsch und Wille, alles selbst in der Hand zu haben. Gesundheit, Reichtum, Technik, Leben. Doch es ist nicht so. Mit jeder Errungenschaft unserer Machbarkeitsgesellschaft töten wir auch – nicht nur unseresgleichen mit Waffen, auch Wälder, Meere, unsere lebensnotwendige ökologische Balance – und damit irgendwann uns selbst.

Wenn du willst – aber dann geh behutsam um mit dem Boden, der dich trägt. Und irgendwann ist – muss sein! – trotzdem jedes Leben zu Ende.

Wenn Gott will – du musst nicht an den Gott irgendeiner Lehre glauben, aber es gibt eine höhere Macht, die nicht in deiner Hand liegt, nie liegen wird. Nenn sie "das Leben selbst". Zum Leben gehört der Tod. Das einzusehen, die eigenen Grenzen ins Weltbild aufzunehmen, beschränkt das Leben nicht, sondern macht es bewusster. Sich freuen zu leben, sich freuen wiederaufzuwachen. Inschallah.


© Brigitte Hutt November 2016

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