Brigitte Hutt - IT-Beraterin und Autorin

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Kuchlbauerturm zu Abensberg

Der Kuchlbauer zu Abensberg und der Minarettstreit

Leonhard Salleck, Chef der Weißbierbrauerei "Zum Kuchlbauer" im bayrischen Abensberg, ist ein glücklicher Mensch. Ihm wurden ein gut gehendes Unternehmen und ein hilfreiches wirtschaftliches Polster in die Wiege gelegt ebenso wie eine umfassende Bildung, die bei ihm unter anderem in einer Liebe zu Philosophie und Kunst mündete. So kam es, dass Ende des letzten Jahrtausends diverse Ideen bei ihm zusammentrafen: Notwendigkeiten zu Umgestaltung und Vergrößerung seiner Brauerei, der Wunsch, Bier als bayrische Landeskultur dem Gast näher zu bringen, und seine Begeisterung für Philosophie und Kunst von Friedensreich Hundertwasser. Und er wünschte sich und dem bayrischen Bier, einen Turm zu bauen, nach Entwürfen des Jahrhundertkünstlers Hundertwasser, der als Symbol für Kunst und Kultur allen Besuchern Kuchlbauers Bierwelt nahebringen sollte.

Friedrich Stowasser, geboren 1928 in Wien als Sohn einer jüdischen Mutter und eines nicht-jüdischen Vaters, der schon bald starb, wuchs in kleinen Verhältnissen auf, aber nicht als Jude, denn er wurde mit acht Jahren getauft. Jude wurde er zwangsweise - wie viele andere damals - durch die Nürnberger Rassengesetze, die auf Konvertiten oft schneller angewandt wurden als auf andere. Er überlebte aber Nazizeit und Krieg und lebte dann das aus, was ihm schon als Kind immer ein Bedürfnis gewesen war: Malen. Er änderte seinen Namen, zuerst den Nachnamen in Hundertwasser (sto ist Hundert im Russischen), später den Vornamen in Friedensreich. Seine letzten Jahre verbrachte er überwiegend in Neuseeland, im Februar 2000 starb er. Bekannt und umstritten sind vor allem die architektonischen Ergebnisse seiner Arbeit, die er in Zusammenarbeit mit Architekten und Baufachleuten vielerorts ausführen konnte.

Seine Philosophie, die er vor allem in den Bauten zu verwirklichen suchte, lässt sich ungefähr so zusammenfassen: dem menschlichen Bedürfnis nach Naturnähe - schließlich ist der Mensch ein Teil der Natur - in Gebäuden entgegenkommen. Dazu gehören Farbenfreude, Formen, die der Natur entlehnt sind, Pflanzen an und in Gebäuden, Einzigartigkeit eines jeden Bauteils. Wie es Peter Pelikan, der Architekt, der auch den Abensberger Turmbau begleitete, ausdrückt: "Man muss der Erde das, was man ihr wegnimmt, als Grün auf [] Dächern wieder zurückgeben. Man muss Bäumen die Möglichkeit geben, aus Fenstern und auf Dächern zu wachsen und die Miete mit Schönheit und guter Luft bezahlen. Man darf keine gesichtslosen, gerasterten Häuser mit Glotzfenstern bauen." [in: L. Salleck, Der Kuchlbauer und sein Turm, Einführung von Peter Pelikan]

Dieses Spiel mit Natur, Kultur, Formen, Farben sprach Leonhard Salleck an, und er versuchte, Hundertwasser für einen Turmentwurf zu gewinnen. Das stellte sich als gar nicht so einfach heraus, war auch nur über den Umweg des Münchner Hundertwasser-Freundes und Vertreters Joram Hamel möglich, aber letzten Endes stimmte Hundertwasser zu, unter der Bedingung, der Turm müsse eine Funktion für die Brauerei haben und nicht nur als Denkmal dastehen. Das entsprach durchaus den Ideen Sallecks, der ja die Kulturfunktion des Bieres mit diesem Turm transportieren wollte.

Nun gab es Pläne, Briefwechsel mit Hundertwasser in Neuseeland, Anträge, Finanzierungsanfragen, Architekten- und Handwerkersuche, amtlich benötigte Gutachten zu vielerlei Aspekten des Bauvorhabens und dergleichen mehr. Es gab aber auch ganz erstaunliche Aktivitäten seitens der Regierung von Niederbayern, die mit einer zeitgleichen Stadtrahmenplanung für Abensberg dem Turmbauplan ganz erhebliche Schwierigkeiten in den Weg legte. Auch sollten diverse mögliche Standorte geprüft werden, alle möglichst weit weg von der Altstadt, an deren unmittelbarem Rand die Brauerei liegt. Trotz des Versuches, alle Auflagen zu beachten, kam die Ablehnung des Bauplanes, und zwar unter anderem mit Begründungen wie diesen:

Der Hundertwasserturm war zunächst auf 70 m, dann auf 50 m Höhe geplant. [in: L. Salleck, a.a.O.]

Die Kompromisse, für die der Turmbauplan mehrfach geändert wurde - unter Federführung von Peter Pelikan; Hundertwasser war bereits in der Antragsphase 2000 gestorben - führten zu einem Erfolg erst, als 2005 der Turmbauplan dem Bürgermeister im Wahlkampf hilfreich war, denn: Die Abensberger Bevölkerung fand durchaus Gefallen an der Idee; Hundertwasser-angelehnte Gestaltungen durchzogen inzwischen den öffentlichen wie den privaten Raum der Stadt, heute noch gut sichtbar in Mauer- und Zaungestaltungen.

Leonhard Salleck ist ein glücklicher Mensch: Alle Kompromisse, von der Turmhöhe, die jetzt 35 m beträgt, bis hin zur Fluchttreppe, die als geschwungene Außentreppe dem Turm noch den letzten Pfiff gibt, führten zu Verbesserungen im Gesamtkonzept, das auch weitere Bauveränderungen im Brauereigelände mit umfasst.


Was das ganze nun mit "Minarettstreit" zu tun hat?

Lassen Sie sich noch einmal die Gegenargumente oben durch den Kopf gehen, lesen Sie - in Presse oder Internet - die Gegenargumente zu Moscheen, die in deutschen Städten gebaut werden sollten oder sollen

Hier kommen sie zusammen, die Denkrichtungen unserer Zeit: Ein jüdisch-stämmiger Künstler, dessen Judentum erst durch die Politik zu Bedeutung kam; ein bayerischer Unternehmer, der Bierkultur mit Baukultur verbinden wollte; die undurchdringlichen Mauern der Behörden, ihr "kann gar nicht sein" und "da könnte ja jeder kommen", Waffen, die sowohl religiöse als auch andere Bauwerke verhindern, die "irgendwie ungewohnt" sein könnten.

Leonhard Salleck ist ein glücklicher Mensch: Er hat es geschafft.


© Brigitte Hutt, nach einem Besuch in Abensberg 2013

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