Brigitte Hutt - IT-Beraterin und Autorin

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Weihnachten

Aus dem Zyklus
"Un(auf)haltbare Predigten einer unerwünschten Predigerin"

Glaube braucht Bilder. Glauben heißt nicht wissen, heißt sich einlassen auf Unvorstellbares, also schaffen wir uns Ersatzvorstellungen. "Du sollst dir kein Bildnis machen" lautet eine der ältesten Forderungen unserer Religionsgeschichte, und doch ist sie eine der am schwersten einhaltbaren.

Glaube braucht Bilder, und wir schaffen sie uns. Das ist legitim, ist einfach unserer menschlichen Begrenztheit geschuldet, unserer Hilflosigkeit gegenüber der Unendlichkeit. Aber alle Alarmglocken sollten schrillen, wenn wir die Bilder mit dem Glaubensinhalt verwechseln!

Weihnachten: Gott kommt zu uns Menschen, kommt uns so nah wie möglich, kommt in Gestalt eines Kindes. Unglaublich. Gott, der unendliche, der ferne, der immerwährende, allmächtige, wird ein schwaches, hilfloses, auf Menschen angewiesenes Menschenkind. Das glauben wir, das ist die Botschaft dieses Jesus aus Nazareth und seiner Freunde, die sie uns überliefert haben. Die Bibel betont die Hilflosigkeit, indem sie die Geburtsgeschichte in ein Behelfsquartier verlegt, indem sie die Eltern dieses Kindes mit ihm zur Flucht zwingt, indem sie Soldaten zur Tötung von Erstgeborenen aussendet. Das ist die erste Botschaft von Weihnachten: Angst, Flucht, Gewalt.

Und was machen wir daraus? Zunächst einmal schaffen wir uns Bilder, geben dem Ganzen Ort und Zeit. Hilfsmittel zum Verstehen. Mit der Zeit verselbständigen sich die Bilder, nehmen zu an Fülle, erhalten Über-Fülle. Ein Kind mit Locken, süß, putzig, bezaubernd, Glitzersterne, Engel mit Gold und Silber. Statt Schmutz, Mäusen, Insekten und Krankheitskeimen, die zwischen Tieren im Stall für ein Neugeborenes unweigerlich vorhanden wären, Kuscheltiere, Ochs und Esel, die gutmütig das Kleine wärmen, Schafe, die es umgeben. Statt Blut und Erschöpfung eine Wöchnerin, die majestätisch und ungerührt über der Krippe - Futterkrippe! - wacht. Und der Konsum zwingt uns in das Fest der Liebe, der Familie, des Schenkens, der Süße.

Fragen wir ein Stadtkind nach der Bedeutung des Wortes Krippe, was wird es antworten? Ein Gestell mit Viehfutter? Oder ein Bettchen fürs göttliche Kind? Oder gar ein romantischer Stall mit tiefgezogenem Dach, lauschigem Lagerfeuer, murmelndem Bächlein, grasenden Schafen, jubilierenden Engeln, elektrisch beleuchtbarem Stern.

Hilflosigkeit, ungewisse Zukunft, Angst, Armut, Flucht: diese Welt hat Gott mit uns geteilt, damals, nicht Beginn eines Siegeszuges zur Weltkirche. Davon war sicherlich nicht einmal eine Ahnung vorhanden. Diese Welt will er auch heute mit uns teilen, denn dieses Gotteskind hat später gesagt: "Was ihr dem geringsten meiner Brüder tut, das habt ihr mir getan."

Gott, ob wir ihn als Vater oder als Sohn ansehen, ist mit uns, mit den Kleinen, den Hilflosen, den Flüchtenden. Er hat uns gezeigt, dass er seine Allmacht aufgibt und gegen Nähe eintauscht, denn das ist das Wichtigere. Das ist die zweite Botschaft von Weihnachten: Nähe. Nähe als Schutz vor Hilflosigkeit, Angst, Ungewissheit. Gottes Nähe mit uns, für uns, in welcher Not auch immer wir uns befinden.

Gott hat uns - das ist eine noch ältere Aussage unserer Religion - als sein Ebenbild geschaffen. Ein jeder Mensch, nicht nur die hübschen, friedlichen, strahlenden, ein jeder Mensch ist Gottes Ebenbild. Und er hat uns so sehr geliebt, dass er uns die Welt als Geschenk überlassen hat, mit allen von ihm geschaffenen Möglichkeiten, den guten und den schlechten, mit aller Freiheit, daraus zu machen, was wir wollen. Auch das Böse gehört dazu, muss es geben, denn sonst wäre die Schöpfung im Ungleichgewicht, Auch den Tod muss es geben, sonst würde das Leben nicht funktionieren. Das ist oft schwer zu begreifen, aber versuchen Sie sich einmal eine Welt vorzustellen, in der nur geboren wird, nur vermehrt wird, ohne Ende - es wäre die Hölle.

Gott hat uns als sein Ebenbild geschaffen, und er ist selbst, in seinem Sohn, als eines dieser Ebenbilder in unsere Welt gekommen. In Armut, Angst und Ungewissheit. Damals. Und heute?

Gottes Ebenbilder sind wir auch heute noch, und unendlich viele davon leben in Armut, Angst und Ungewissheit. Andere wiederum haben ein Stück Sicherheit gewonnen, aus und in Gottes Schöpfung, die allen zusteht. Ist es da nicht unsere göttliche Aufgabe, zu denen zu kommen, die in Angst sind, ihnen Nähe zu geben, ihnen zumindest ein wenig Wärme, ein wenig Gottvertrauen zurückzugeben?

Das ist die dritte Botschaft von Weihnachten.


© Brigitte Hutt 2015


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