Brigitte Hutt - IT-Beraterin und Autorin

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Geisterstadt Rhyolite/Nevada

Rhyolite

Als der Ford von der Straße abbog und mit knirschenden Reifen auf dem Sand hielt, war die Sonne dem Horizont schon ein gutes Stück näher gekommen. Der Fahrer sprang eilig aus dem Auto und öffnete die Motorhaube. Unangenehm riechender Qualm kam ihm entgegen. Die Beifahrerin war ihm langsamer gefolgt und stand nun einen Schritt hinter ihm, rieb sich die Arme, als ob sie trotz des warmen, ja drückenden Abends fröstelte. Leise diskutierten sie miteinander.

Die zwei jungen Leute auf der Rückbank hatten halb geschlafen und kamen nun langsam in die Realität zurück.

"Wo sind wir denn? Sind wir schon da?" Das junge Mädchen klang unzufrieden.

"Ach, Pia, das ist eher das Tal des Todes als das Tal der Hoffnung aufs Abendessen", meinte der junge Mann spöttisch.

Pia hatte das Fenster geöffnet. "Iiiii, Papa, was stinkt hier denn so?"

"Keine Panik", antwortete der Fahrer in einem Ton, der in krassem Widerspruch zu seinen Worten stand. "Heißgelaufen. Kriegen wir schon hin. Irgendwo haben wir da eine Telefonnummer."

"Kannst ja den ADAC rufen", war der Kommentar seines Sohnes.

"Mann, Lars, wir sind in Kalifornien", fuhr Pia ihn an. "Oder Nevada, oder so. Aber wann kommen wir denn dann an?"

"BITTE!" Die Mutter war genervt. Sie fischte Reiseunterlagen aus dem Handschuhfach und sagte: "Lasst euren Vater jetzt mal in Ruhe, ja? Sonst wird das heute nichts mehr."

"Und was sollen wir dann solange tun?", maulte Pia weiter.

"Sightseeing?", schlug Lars vor und wies auf einige halbverfallene Holzhäuser, die nicht allzu weit entfernt zu sehen waren. Die Wolken am Himmel wuchsen langsam und verdunkelten immer wieder die sinkende Sonne.

Die Mutter studierte den Autoatlas. "Wir sind - etwa - kurz vor Beatty. Das ist in Nevada. Das da drüben - könnte - Rhyolite sein. Eine aufgelassene Goldgräberstadt. Fast schon zu dunkel, um da hineinzugehen, da sind sicher Geröll und Gerümpel ohne Ende."

"Wow", tat Lars begeistert, "womöglich finden wir einen Schatz, nichts wie los."

"Aufgelassene Stadt", korrigierte Pia, "die werden wohl schon damals nichts Wertvolles mehr gefunden haben."

"Oder wir finden Geister? Wollte ich immer schon mal sehen." Lars stieg aus und streckte sich. Beide Teenager hockten sich an den Straßenrand und schauten ihrem Vater beim Telefonieren und Abwarten zu. Irgendwann stand Lars auf und meinte: "Also Geisterstadt ist da schon interessanter. Bis später."

Er stapfte in Richtung der Holzhäuser davon.

"Warte", kreischte Pia und stolperte hinterher, worauf ihr Bruder zu rennen anfing.

"Eine Stunde, dann seid ihr zurück, klar?", rief der Vater ihnen nach.


Lars hatte die längeren Beine, war sportlicher, mutiger, ausdauernder. Davon war zumindest er überzeugt. Er erreichte die ersten Häuser, als die Dämmerung schon weit fortgeschritten war. Die Wände warfen lange, diffuse Schatten, leere Fensterhöhlen gähnten tiefschwarz, die Straßen waren staubig. Vorsichtig betrat er ein Haus, stieg über herumliegende Balken hinweg, fand eine Hintertür, die auf eine enge Gasse führte, in der noch Gerümpel lag. Hier war es besonders dunkel. Er tastete sich an Hauswänden entlang, ging um ein, zwei Ecken - und hatte die Orientierung verloren.

Ein Heulen schreckte ihn auf. Er lachte über sich selbst. Schakal, dachte er. Ob der hier noch was zu fressen findet? Vorsichtig ging er weiter. Ein Blick zum Himmel zeigte ihm die Mondsichel, und er seufzte erleichtert auf. Ein Lichtblick, fand er. Wolken jagten heftig darüber hinweg, Wind war aufgekommen. Egal, noch ein bisschen stöbern.

Er hatte ein noch relativ komplettes Haus erreicht, dessen Vorderfront sogar verziert war. Die Schrift über der Haustüröffnung war aber nicht mehr zu identifizieren. Irgendwas mit "F" jedenfalls. Rathaus, Sheriff? Was hieß Rathaus noch mal auf Englisch?

Lars stieg über Schutt hinein in das Haus. Der Eingangsraum war nicht groß, und er ging vorsichtig durch eine Tür zur Linken. Dieser Raum war größer, und es schienen noch Möbel herumzustehen, etwas wie gestapelte Truhen oder Schränke. Vielleicht ein Umzugsunternehmen. Gab es das schon zur Goldgräberzeit? Behutsam tastete er über eine der Truhen. Dabei bewegte sich der Deckel und polterte in einer Staubwolke auf den Boden. Lars sprang erschrocken einen Schritt zurück und hustete.

Nach einer Weile hatte der Staub sich gelegt, aber nun war wieder ein Heulen zu hören, gefolgt von einem Pfeifen. Und etwas wie Schritte.

"Pia?", rief Lars nervös. Keine Antwort. Er kniff die Augen zusammen. Verdammte Dunkelheit, wo war noch mal die Tür? Vermutlich genau hinter ihm. Er drehte sich auf dem Absatz um und prallte gegen etwas Hartes, was erneut Poltern hervorrief und Staubwolken erzeugte. Instinktiv streckte er die Hand aus und hielt wiederum eine Art Truhendeckel in der Hand, der aber nicht nachgab.

Ein Blitz erhellte die Nacht und zeigte überdeutlich das Kreuz auf dem Deckel.

Lars ließ erschrocken los, machte zwei Schritte rückwärts, stieß wieder an Holz, das sich bewegte, mit Poltern nachgab und Lars mit sich zog auf den staubigen Boden. Während von fern dumpfer Donner grollte, lag Lars hustend und würgend zwischen Holzbrettern.

Ein weiterer Blitz zeigte ihm eine Fensteröffnung, zugleich aber auch weitere Kreuze auf den Holzfragmenten. Das Herz schlug ihm im Hals. Er zog sich vorsichtig auf Hände und Knie und tastete sich durch den Raum. Endlich fand er, nach weiterem Poltern, Blitzen und Donnern, die Türöffnung und zog sich an deren Rahmen hoch. Fast hatte er es geschafft, als der Rahmen nachgab und Lars der Länge nach hinschlug.

Er unterdrückte einen Fluch, hustete und wartete erneut, bis der Staub sich gelegt hatte. Der nächste Blitz erhellte einen kleinen, dämonisch grinsenden Kopf nahe vor seinem Gesicht.

"Aaaah", schrie er, sprang auf die Füße und rannte oder stolperte blindlings in die Richtung, aus der er es hatte blitzen sehen. Endlich erreichte er eine Maueröffnung und sprang auf die Straße, wo er keuchend stehenblieb.

Ein weiterer Blitz, Donner, erste Regentropfen. Lars sprang auf eine überdachte schmale Veranda. Der Boden gab nach und er brach durch, die Bruchstelle kratzte ihm den Bauch. Tief atmete er ein und aus, schloss die Augen und versuchte sich zu konzentrieren. Als er die Augen wieder öffnete, sah er im fahlen Mondlicht auf der Veranda eine Frau.

Unwillkürlich hielt er den Atem an. Sie war jung, sie war schön. Lange dunkle Haare wehten im Wind, dunkle Augen sahen ihn im Licht der Blitze traurig an. Ein einfaches helles, fast durchsichtiges Kleid floss bis auf den Boden. Wasser glänzte auf ihrem zarten, weißen Gesicht. Regen? Tränen? Langsam hob sie eine Hand und streckte sie ihm entgegen. Ihm wurde bewusst, dass er noch in dem frisch eingebrochenen Loch stand, und er tastete nach den Balken, die die Veranda begrenzten, um sich hochzuziehen. Es gelang, und er stand unsicher, aber aufrecht vor der schönen Frau. Sie musterte ihn schweigend. Sein Herz klopfte, aber nicht vor Angst.

"Entschuldigung", sagte er heiser, bis ihm einfiel, dass eine fremde Frau hier in Nevada vermutlich englisch sprach. "Excuse me", fuhr er tapfer fort, "do you know the way back to the highway? Can you show me the way? And", ihm wurde die Hilflosigkeit in der Haltung der Fremden bewusst, "maybe I can help you, too?"

Die Frau schwieg. Ihr unbewegtes Gesicht ließ nicht erkennen, ob sie ihn verstanden hatte. Dann drehte sie sich zur Seite, wies mit der Hand nach rechts, sprang leichtfüßig, geräuschlos von der Veranda und verschwand in der Nacht.

Warum hatte sie nicht geantwortet, warum war sie weggelaufen? Sie war so unglaublich schön gewesen. Hatte sie ihm nun den Weg gezeigt? Egal, Lars lief in die Richtung, in der die Fremde verschwunden war, den Regen ignorierend. Das wenige verbliebene Licht zeigte eine Straßenecke. Links oder rechts? Er wandte sich nach rechts und - schloss die Augen vor dem grellen Schein einer Lampe. Das gehört nicht hierher, dachte er, wo ist die fremde Frau? Er drehte sich um, um nicht in das Licht schauen zu müssen.

"Lars! Wo willst du denn hin?" Pias Stimme. "Wir müssen zurück, es regnet!"

Er hielt inne, heftig atmend, und drehte sich langsam um. Pia kam näher und leuchtete ihn von oben bis unten mit der Taschenlampe an.

"Mann, du bist vielleicht dreckig", meinte sie vergnügt, "komm, hier geht's lang." Sie drehte sich um, und er folgte ihr zögernd.

Als sie ein paar Schritte gegangen waren, prasselte der Regen richtig los. Pia griff nach seinem Arm und zog ihn in das erstbeste Haus, das noch ein Dach hatte. Sie leuchtete mit der Taschenlampe umher. Kleiner Eingangsraum, im Nachbarraum Bretter, Truhen. Lars atmete scharf ein. Pia warf ihm einen Blick zu und schüttelte belustigt den Kopf.

"Angst vor Gewitter? Armer großer Bruder!"

"Das Haus hier ist - ist ...", Lars versuchte, eine geeignete, nonchalante Formulierung für "nicht geheuer" zu finden, aber es wollte nicht gelingen.

"... ist ein Beerdigungsinstitut", ergänzte Pia trocken und leuchtete über die Wand gegenüber, an der in verblassten Buchstaben "James Carrington Funerals" zu lesen war. Sie ließ den Lichtstrahl weiter durch den Raum gleiten. Als sie den Boden beleuchtete, erstrahlte wieder das kleine dämonische Gesicht. Der Lichtstrahl zuckte kurz, und Lars grinste schadenfroh.

"Katzenskelett", sagte Pia mit nur ganz wenig zitternder Stimme. Lars schluckte. Pia leuchtete weiter den Raum aus.

"Willst du nicht lieber Batterie sparen?", fragte er und konnte den heiseren Unterton nicht bändigen.

"Ist ganz frisch", war die Antwort, jetzt wieder mit sicherer Stimme. "und wozu sparen? Das Donnern wird schon leiser. Bald können wir wieder."

"Und dann?", sagte Lars versonnen, in Gedanken bei der schönen Fremden. Sollte er versuchen, sie zu finden?

"Dann gehen wir da drüben über den Platz und sehen von dort schon den Highway", antwortete Pia.

"Kann ich", Lars streckte die Hand aus, "kann ich die Lampe haben?"

"Nix da", Pia ging einen Schritt von ihm weg, "damit du mich hier im Dunkeln stehen lässt? Und dann heulst und pfeifst du und machst mir den Geist? Ne, mein Freund. Hättest selbst eine mitnehmen können. Mitdenken, verstehst du?"

Sie ging vorsichtig zur Eingangstür und spähte in den Himmel. Die Wolken hatten sich fast verzogen, die Mondsichel gab schwaches Licht.

"Ich glaube, wir können", sagte sie und ging mitsamt Lampe hinaus. "Komm."

Verdammt, verdammt, dachte Lars, ich habe hier noch was zu erledigen. Aber ohne Licht, ohne Ortskenntnis?

"Du liebst die Dunkelheit, wie?" Pia hatte ihren Spaß an ihm. "Noch ein bisschen im Dreck suhlen? Oder noch ein paar Geister treffen?" Sie lachte, und er sah, wie der Lampenstrahl sich entfernte.

"Warte!" Er hasste es, dass seine Stimme so hysterisch klang. Rasch hatte er sie eingeholt, und sie schritten stumm auf das Auto der Eltern zu.

© Brigitte Hutt 2015

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