Brigitte Hutt - IT-Beraterin und Autorin

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Graffiti im Schöneberger Südgelände, Berlin

Suleika

Die Straße war eher heruntergekommen. Ein paar parkende Autos am Straßenrand, herumfliegende Abfälle, tagsüber kaum einmal jemand unterwegs. Auf meinem Heimweg kam ich oft hier durch, es war eine Abkürzung, wenn auch keine schöne. Rechts Dreißigerjahre-Mietskasernen, dunkelgrau geworden vom Schmutz der Stadtluft, Graffiti an den Sockeln, links die noch älteren kleinen Häuschen, dicht aneinandergedrängt, als ob sie allein nicht aufrecht stehen könnten, hin und wieder ein schmaler Spalt, in dem sich Unkraut und Mülleimer um den wenigen Platz stritten.

An einer dieser Lücken stand ein kleines Mädchen, vielleicht acht, neun Jahre alt, mit dem Rücken zur Straße, die rechte Hand an einem schmierigen Mülleimer, die linke am abbröckelnden Putz des Hauses, an den sie auch ihren Kopf lehnte, das Gesicht unentwegt in den Spalt gerichtet. Ihre Haare waren lang und ein wenig wild. Sie trug eine gestreifte Kapuzenjacke und geblümte Hosen, dazu rosa Schuhe, mit denen sie sich von Zeit zu Zeit das eine oder andere Bein scheuerte.

Ich hatte sie hier noch nie gesehen, das war keine Gegend für Kinder. Langsam trat ich näher. Sie beachtete mich nicht, wandte mir nach wie vor ihren Rücken zu.

"Wohnst du hier?", fragte ich freundlich. Sie reagierte nicht.

"Hast du dich verlaufen?", fragte ich etwas lauter.

Sie wandte den Kopf kurz zu mir, schüttelte ihn energisch und richtete ihn wieder in den Häuserspalt.

"Was tust du denn da?", fragte ich weiter. Keine Antwort. Ich überlegte, ob ich sie einfach ihrem Schicksal überlassen sollte, aber sie war doch noch so klein!

"Ich passe auf sie auf", hörte ich sie plötzlich flüstern.

"Was?"

"Ich passe auf sie auf", kam es etwas lauter, "damit ihr nichts passiert!"

"Wem?", fragte ich verwirrt.

"Suleika."

Ich überlegte. Womit beschäftigten sich Mädchen? Wer hieß so?

"Ist das eine Katze?", fragte ich schließlich.

"Nein!", kam es sehr empört zurück. "Eine Prinzessin!"

"Ach so", sagte ich unwillkürlich. Sie spielte. Sie ließ ihrer Fantasie freien Lauf.

Mit dem Instinkt des fantasiebegabten Kindes spürte sie meinen Unglauben und wandte mir zum ersten Mal ganz ihr Gesicht zu. Ihre großen braunen Augen musterten mich, ihre Stirn war in Falten gelegt.

"Ja!" sagte sie, sehr bestimmt. "Sie ist wunderschön, aber eben sehr klein. Also muss ich auf sie aufpassen. Sie hat einen langen goldenen Mantel an und ein winziges Krönchen mit zwei", hier hob sie die Hand und stach mit dem Zeigefinger zweimal in die Luft, "Edelsteinen."

Schon hatte sie sich wieder umgedreht und starrte konzentriert in den Häuserspalt. Ihre Hand spielte mit dem Verputz, die Finger alles andere als sauber.

Was nun? Ich konnte sie doch hier nicht so stehen lassen. Wer weiß, wohin ihr Spiel sie noch trieb.

"Verrätst du mir deinen Namen?", bat ich schließlich.

Wieder flog der Kopf kurz herum. "Verrätst du mir deinen Namen?", war die Antwort, und der Kopf flog zurück.

Ich seufzte. "Ich würde dich auch nach Hause bringen", bot ich an.

Sie hob abwehrend eine Hand, und ich hörte nur ein aufgeregt geflüstertes: "Jetzt!". Unwillkürlich sprach ich nicht weiter, hielt fast den Atem an.

Dann sprang sie zurück mit einem Jubelruf: "Gerettet!" - winkte in den Häuserspalt und flüchtig auch zu mir und rannte die Straße entlang. Ich sah ihr nach, bis sie außer Sicht war, dann blickte ich neugierig in den Spalt. An der Hauswand sah ich eine feuchte Spur, und unten, schon fast unter einem Löwenzahnblatt verschwunden, eine braune, nein, goldene Nacktschnecke.

© Brigitte Hutt 2017

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