Brigitte Hutt - IT-Beraterin und Autorin

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Ein Weihnachtsmann

Ein ganz kleines Weihnachtswunder

Vor der Tür im vierten Stock hielt er an, rückte die Mütze zurecht, strich den Bart glatt und straffte die Schultern. Dann klingelte er. Ein paar Atemzüge lang geschah nichts, dann waren leise Schritte zu hören, und die Tür öffnete sich einen Spalt breit. Er sah die dicke Metallkette und darüber ein neugieriges Auge.

"Ja, bitte?" Eine etwas zittrige Stimme.

Er räusperte sich, wechselte das Standbein und begann: "Von drauß', vom Walde komm ich her ..."

Die Tür öffnete sich ein paar Zentimeter weiter, so weit, wie die Kette es zuließ. Nun waren zwei Augen zu sehen, darüber eine gerunzelte Stirn. Eine altersfleckige Hand stützte sich am Türrahmen.

"Das glaube ich Ihnen nicht", sagte die Stimme, noch immer zittrig, aber energischer. "Und überhaupt - wie sehen Sie denn aus? Sie sind ja gar kein Knecht Ruprecht. Sie sind ja ein ... ein ..."

"Weihnachtsmann", ergänzte er schnell. "Ja. Und ich bin zu Ihnen gesandt ..."

"Von wem?", warf die alte Frau dazwischen. "Wer hat Sie denn geschickt? Ich kenne hier doch niemanden! Sind ja alle tot."

"Ich ... ähm ...", er wusste nicht recht weiter. Da fiel ihm ein: "Vom Himmel hoch ..."

"Ach", die Frau ließ ihn wieder nicht zu Ende zitieren, "erzählen Sie das doch, wem Sie wollen."

Ihm brach der Schweiß aus. "Hören Sie", versuchte er es erneut, "ich bin wirklich zu Ihnen gesandt, speziell zu Ihnen. Schauen Sie ...", er kramte in seiner Hosentasche und zog einen Zettel hervor, "hier steht es: Elisabeth Noack, Fröbelstraße 24, vierter Stock."

Eine Hand streckte sich aus der Tür und griff nach dem Zettel, hielt ihn nah vor die Augen.

"Sogar mein Name ist richtig geschrieben", sagte die Frau verwundert, "aber von wem?"

"Das war meine Chefin, die Frau Walter."

"Kenne ich nicht."

"Ich meine, die das geschrieben hat. Das ist eine Agentur. Die Kunden rufen an und buchen einen Nikolaus, der zu einer bestimmten Adresse gehen soll."

"Sie sind aber kein Nikolaus, sondern ein Weihnachtsmann. Diese ulkige Mütze ist doch kein Bischofshut. Weiß das denn niemand mehr?"

"Sie haben nur diese Kostüme in der Agentur", sagte er leise, "und die Engelsgewänder für die Mädchen."

"Wenigstens hat man mir keinen ulkigen Engel geschickt. Sicher mit goldenen Haaren und Flügen, oder?"

Er zuckte die Achseln. "Ich glaube schon."

Ein paar Sekunden standen sie sich schweigend gegenüber. Die Frau musterte ihn streng, und er wusste nicht weiter.

"Nehmen Sie mal den Bart ab", forderte sie schließlich. "Der ist doch nicht echt, oder?"

Er griff danach und zog ihn langsam herunter. Sie studierte sein Gesicht. Zu guter Letzt schob sie die Tür zu, die Kette klapperte, und dann ging die Tür weit auf.

"Na, dann kommen Sie mal herein", sagte die Frau, jetzt sehr viel freundlicher, "sie sehen aus, als könnten Sie eine Tasse Tee gut gebrauchen. Oder lieber Kaffee?"

Sie drehte sich um und ging durch eine Tür auf der rechten Seite. Im Türrahmen drehte sie sich noch einmal um, winkte ihm und sagte: "Kommen Sie, kommen Sie. Aber machen Sie die Wohnungstür zu, es zieht."

Er gehorchte und betrat hinter der Frau eine kleine Küche. Sie hantierte mit einem Wasserkocher und wies mit dem Kopf zu dem einzigen Stuhl, der zwischen dem Fenster und einem Tischchen stand.

"Also?" - "Wie bitte?"

"Kaffee oder Tee? So setzen Sie sich doch! Wie heißen Sie eigentlich?"

"Ähm ... gern Tee. Und - wo sitzen dann Sie?"

Sie füllte einen Teefilter und redete weiter: "Ich stehe gern. Im Alter sitzt man ohnehin viel zu viel herum. Aber Ihren Namen haben Sie mir immer noch nicht gesagt. Schließlich wissen Sie ja auch meinen."

Er zögerte kurz, dann sagte er: "Rupert."

"Es heißt Ruprecht", korrigierte sie prompt.

"Nein, nein", beeilte er sich zu erklären, "ich heiße wirklich Rupert. Und Koch. Also mit Nachnamen."

Sie goss das kochende Wasser in die Teekanne und stellte ihm eine Tasse hin.

"Trinken Sie nichts?"

Sie musterte ihn kurz, dann holte sie Zucker, Milch und eine zweite Tasse und sagte nebenher: "Jetzt nehmen Sie doch mal diese Mütze ab. Und den Bart tun Sie ganz weg, sonst muss ich noch lachen."

"Lachen tut gut", antwortete er leise. "Es macht mir nichts, wenn Sie über mich lachen."

Sie stützte sich mit beiden Händen auf den Tisch und studierte wieder sein jetzt bart- und mützenfreies Gesicht.

"Sie sind ja gar nicht mehr so jung", sagte sie dann, "ich hätte gedacht, Sie sind Student oder so was. Machen das nicht Studenten, das, was Sie hier machen?"

"Ich bin arbeitslos", sagte er noch leiser, "ich mache ziemlich viel für ein bisschen Geld."

Sie goss den Tee ein und schob ihm seine Tasse zu.

"Ich habe mein ganzes Leben lang gearbeitet. Hab nicht viel verdient, aber es hat gereicht. Die Rente - na ja, reicht auch. Vor allem bin ich froh, dass ich nicht heute auf den Markt muss. Also den Arbeitsmarkt meine ich. Das ist heute alles so anders, so schwierig geworden. Stimmt's?"

Er nickte und trank einen Schluck. "Schmeckt sehr gut", sagte er dann.

"Wissen Sie", sagte die Frau und hob ihre Tasse, "ich sehe nicht mehr gut. Aber ich höre noch gut. Ist bei den meisten Alten anders herum. Und ich höre, dass Ihre Stimme zittert. Wann haben denn Sie das letzte Mal gelacht?"

Erstaunt sah er auf. Sie lächelte ihn an, dann trank sie ihren Tee, Schluck für Schluck.

"Nun?", fragte sie. Er war verwirrt. "Was?"

Sie winkte ab und verließ das Zimmer mit eiligen Schritten. Kurz darauf kam sie zurück mit einem abgegriffenen Buch.

"Hier", sie hielt es ihm hin. "Schmunzelgeschichten. Und Gedichte. Ich kann es nicht mehr recht lesen. Aber Sie!"

Er griff zögernd nach dem Buch. Sie nickte ihm auffordernd zu. "Egal, was. Fangen Sie irgendwo an."

"Ich soll ... Ihnen vorlesen?"

Sie nickte und strahlte vor lauter Vorfreude.

Er holte tief Luft und räusperte sich, blätterte ein wenig hin und her und fing dann an einer Stelle an, die ihm bekannt vorkam. "Ritter Fips und das Zahnweh ..."

Sie lehnte sich an den Küchenschrank, schloss die Augen und hörte zu. Nach jedem Gedicht, jeder Geschichte nickte sie ihm aufmunternd zu, und hin und wieder goss sie Tee nach. Sie schmunzelten, lachten, seine Stimme wurde mutiger. Die Zeit verging, und als im Nachbarzimmer eine Uhr schlug, sah er erschrocken auf. "Oh, ach, ich sollte längst ..."

"Entschuldigen Sie, ich hab gar nicht darüber nachgedacht, dass Sie noch anderes zu tun haben." Sie stand auf und ging voraus zur Wohnungstür. "Natürlich, natürlich. Gehen Sie nur. Und haben Sie vielen, vielen Dank. Vielleicht - mögen Sie einmal wiederkommen? Sie wissen ja jetzt, wo ich wohne. Und ich bin eigentlich nachmittags immer da."

Er hatte sich hastig die Mütze wieder aufgesetzt und den Bart festgesteckt. Sie musterte ihn kritisch und zupfte ein wenig an seinem Bart herum. Dann schob sie ihn hinaus. Er rannte die Treppe hinunter und rief über die Schulter zurück: "Danke, danke für den Tee! Und alles!"

Sie schaute ihm nach, immer noch lächelnd. Erst als die Haustür zuschlug, fiel ihr ein, dass sie noch immer nicht wusste, wer ihn geschickt hatte.


© Brigitte Hutt Dezember 2018

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