Brigitte Hutt - IT-Beraterin und Autorin

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der letzte Wein

Der letzte Wein

Ein gleichmäßiges Summen und Piepen drang von fern her in ihr Bewusstsein. Was war das. Wo bin ich. In meinem Kopf schwimmt irgendwie alles. Mühsam versuchte sie sich zu konzentrieren. Langsam kamen Bilder und Gedanken zurück - der 70te Geburtstag, richtig. Den wollte sie in Wien verbringen, wie damals den 50ten. Und dahin ist sei dann gefahren. Und … Die Gedanken verschwammen, die Ohnmacht kam zurück.

Erneut das Summen, das Piepen, und ganz deutlich eine Stimme: "Sie wacht auf!" Schlagartig drang ein Begriff in ihr Bewusstsein: Krankenhaus. Sie war offensichtlich in einem Krankenhaus, dazu passte das alles. Aber eigentlich war sie doch… auf der Geburtstagsreise. Was war denn nur passiert? Nein, sie wollte jetzt nicht aufwachen, nicht untersucht werden, zuerst wollte sie ihre Erinnerung untersuchen, ganz allein.

Sie hatte herausgefunden, dass es das Hotel am Spittelberg noch gab, in dem sie zu ihrem 50ten mit Albert dieses traumhafte Spätsommerwochenende verbracht hatte. Albert gab es nicht mehr, aber die Spätsommersonne wollte sie noch einmal genießen, mit gutem Essen und trockenem Wein, so wie damals vor 20 Jahren. Und sie hatte die Reise gebucht, war gefahren, hatte ein schönes Zimmer am Spittelberg. Und dann war sie durch die Gassen und Straßen geschlendert und hatte Lokale gefunden, die ganz anders aussahen als damals. Und kein Albert an ihrer Seite, mit dem sie Erinnerungen austauschen konnte. Bevor die Traurigkeit sie in den Griff bekam, war sie rasch ins nächste Beisl eingekehrt, in dem um diese Zeit, zu spät für Mittagessen und zu früh für den Abend, nicht viele Gäste saßen. Ja, und ein freundlicher Kellner war da, kam gleich zu ihrem Tisch. Einen trockenen weißen hätte ich gern, so hatte sie zu ihm gesagt. Und er hatte sie ein bisschen ausgefragt, was es denn sein dürfe, ein heuriger, überhaupt ein österreichischer, denn sie hätten auch andere, und die Touristen wären ja oft sehr wählerisch, solche Dinge hatte er gesagt. So waren sie ins Gespräch gekommen. Sie hatte dann erst mal den von ihm empfohlenen Burgenländer bestellt und langsam getrunken. Warm war ihr geworden im Inneren, vom Wein und auch von dem netten Lächeln, das ihr der Kellner schenkte, wann immer er an ihrem Tisch vorbeikam. "Noch ein Vierterl?" Ja, gern hatte sie noch eins genommen. Und die Speisekarte erbeten. Viel Hunger hatte sie ja nie, aber ein bunter Salat, und dazu vielleicht so ein Salzstangerl, das war jetzt recht.

Der Kellner brachte ihr das gewünschte, und, nach zwei Glas Wein mutig geworden, bat sie ihn, doch einen Moment Platz zu nehmen. Nun fragte sie ihn aus, nach all den Veränderungen am Spittelberg in den letzten 20 Jahren, nach Wien überhaupt, es sei ja alles so teuer hier, nach seinem Beruf, nach allem möglichen, was sie jetzt gar nicht mehr richtig zusammenreimen konnte. Er erzählte bereitwillig, immer ein Auge auf den anderen Tischen, sprang hin und wieder auf zum Bedienen oder Kassieren, kam aber immer zu ihr zurück. Holen Sie uns doch noch zwei Viertel, hatte sie dann gebeten, und sich dabei so richtig geburtstäglich abenteuerlich feierlich gefühlt. Richtig schön war es, das Leben. Heute zumindest. Und der Wein tat so gut - wie viel hatte sie denn eigentlich schon getrunken? Ihr war zwar leicht und beschwingt im Kopf, aber das war doch nichts Schlimmes, sie war überhaupt nicht betrunken. Nur zufrieden. Und das war ja auch gar nicht nur vom Wein, das war das nette Gespräch. Hier in Wien kam man so leicht mit den Menschen ins Gespräch. Sie wirkten alle so, als ob sie unendlich viel Zeit hätten, zumindest hier am Spittelberg. Es war ja so richtig gewesen, diese Geburtstagsreise zu machen.

Mit der Zeit wurde das Lokal richtig voll, und der nette Kellner hatte nun alle Hände voll zu tun. Er lächelte immer noch im Vorübergehen, aber mehr Zeit konnte er nicht mehr für sie erübrigen. Das machte aber gar nichts, denn nun ging sie dazu über, die Leute an den anderen Tischen zu beobachten. Der da drüben im grauen Geschäftsanzug, der stürzte sein Viertel Roten einfach runter - wie traurig. So konnte er es doch nicht genießen. Und dort neben dem Blumenstock, das musste ein Liebespaar sein: nicht mehr jung, aber vor lauter sich tief in die Augen schauen wurde das Essen kalt, und der Wein war kaum angerührt. Ihr eigener war zu diesem Zeitpunkt schon wieder ausgetrunken, und als sie nun zur Toilette ging, merkte sie doch, dass es jetzt wohl genug war. Zeit, noch einmal den Kellner herzurufen. Sie zahlte und ließ sich von ihm noch einige Tipps zu ihrem Wienbesuch geben. Mit dem festen Versprechen, morgen Abend wiederzukommen, verließ sie das Lokal.

Kühl war es geworden, und die Straßenlampen brannten. So sah Wien besonders schön aus. Langsam ging sie die Straße entlang, immer noch das beschwingte Gefühl im Bauch und im Kopf. Aus einem großen Lokal kam Musik, die mussten da wohl ein Klavier haben, und auch einen Geiger. Natürlich auch einen Pianisten, das Klavier spielt sich ja nicht von selbst. Bei diesem Gedanken musste sie lachen, musste stehenbleiben und laut lachen. Ach Albert, wärst du doch noch hier. Walzer spielen sie, hörst du. Sie begann mitzusummen und ein paar Tanzschritte zu machen. Ging ja noch richtig gut! Mutiger drehte sie sich. Walzer hatte sie immer gern getanzt. Gern und gut. Plötzlich stieß sie mit jemandem zusammen und blieb erschrocken stehen. Der Passant runzelte die Stirn, schüttelte den Kopf und ging weiter.

Sie schaute sich um und merkte, dass sie leicht schwankte. War es doch ein Viertel zu viel gewesen? Ach egal, der 70te Geburtstag kommt nur einmal, und es hatte doch so gut getan. Drinnen im Lokal spielten sie einen weiteren Walzer, und sie wollte noch einmal tanzen. Mit raumgreifenden Schritten und ausgebreiteten Armen. Sie schloss die Augen und überließ sich ganz der Musik. Da daa, da daa, dadada daa - hoppla, sie stolperte über die Bordsteinkante. Erschrocken riss sie die Augen wieder auf, blickte in zwei Scheinwerfer, hob die Hände vor die Augen, stolperte hilflos rückwärts, hörte Bremsen quietschen …

Weiter ging ihre Erinnerung nicht. Und jetzt - Krankenhaus? Wieder wurde ihr die Stimme bewusst, "sie ist so unruhig, aber wacht einfach nicht auf. Frau Fränkl? Frau Fränkl? Hören Sie mich?" Die Stimme wurde schwächer, mischte sich in ihren Gedanken mit der des netten Kellners: "Darf's noch ein Vierterl sein?" - "Ja", antwortete sie klar und deutlich, und dann ging das gleichmäßige Piepen in einen Dauerton über, aber das hörte sie nicht mehr.

© Brigitte Hutt 2013

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