Brigitte Hutt - IT-Beraterin und Autorin

Home
Texte
Dialog
Max Mannheimer 2014

Zeugnis ablegen – Max Mannheimer, † 24.09.2016

Es ist auffällig, dass der Begriff "Zeitzeuge" in unserer Gesellschaft seit vielen Jahren automatisch mit einer ganz bestimmten Zeit verbunden ist und darüber hinaus noch mit einem Status in der betreffenden Zeit: Zeitzeugen sind die Verfolgten der Nazizeit, besser, die wenigen, die sie überlebt haben. Ihnen glaubt man ihr Zeugnis; was sie erzählen, ist lebendige Geschichte und Mahnung.

Diejenigen, die im ersten Jahrzehnt nach dieser Zeit geboren sind, in einer Gesellschaft also, die nur vergessen wollte, brauchen diese Menschen, heute fast mehr denn je, denn Dinge beginnen sich zu wiederholen.

Und nun sterben sie, sterben die letzten dieser Zeitzeugen, wie jetzt Max Mannheimer, 96 Jahre alt geworden, hochbetagt noch unermüdlich werbend gegen Vergessen und - vor allem - für Versöhnung. Nachrufe hat es in den letzten Wochen viele gegeben, die sein Leben und Wirken gründlich gezeigt und gewürdigt haben, dem will ich nichts hinzufügen. Zweimal habe ich das Vergnügen - ja, Vergnügen! - gehabt, ihn zu erleben, einmal in einem Rundfunkinterview und ein weiteres Mal in der KZ-Gedenkstätte Dachau. Beide Male, auch da war er schon hoch in den 80-ern, eine beeindruckende Persönlichkeit, die das Publikum in Bann schlug und den investigativen Ton von Journalisten unbemerkt in einen respektvollen wandelte. Und beide Male etwas, was man gar nicht vermutet hatte: Charmant, gern auch ein wenig scherzend, es einem leicht machend, ihm zu lauschen. Schon an der Art, wie er mit seinen Mitmenschen redete, merkte man, dass er seine Nächsten liebte, und dass wir alle seine Nächsten waren.

Was für ein Mensch, was für ein Verlust. Aber der Tod gehört zum Leben, und so hinterlässt Max Mannheimer, wie alle diese Zeitzeugen, uns vor allem einen Auftrag: Seine Botschaft weitertragen. Von der Zeit der Verfolgung können wir nur noch aus zweiter Hand erzählen, aber wir können die Berichte der Zeitzeugen referieren und zitieren. Aus erster Hand können wir etwas anderes: Seine Liebe zu den Menschen, seinen unermüdlichen Versöhnungswillen aufgreifen und weitertragen. Und eines weiß ich:

Das ist Aufgabe genug.



© Brigitte Hutt Oktober 2016

zurück