Brigitte Hutt - IT-Beraterin und Autorin

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Zu viel Frieden

Stolz verkünden die Geschichtslehrer in der Schule, dass Europa, genauer gesagt Mitteleuropa, noch genauer, dessen westlicher Teil, sich in der längsten andauernden Friedensphase seiner Geschichte befindet.

Ist die Welt, besser gesagt Mitteleuropa, friedlicher geworden? Hat die Fähigkeit der Menschen, Frieden zu stiften, Frieden zu halten, zugenommen? Hat die Friedensforschung, die Friedenserziehung Früchte getragen?

Der zweite Weltkrieg endete - auch das lernen wir in der Schule - nicht mit einem Friedensschluss. Er endete in Mitteleuropa mit einem Waffenstillstand; lassen wir den Fernost-Kriegsschauplatz einmal beiseite. Er endete nicht mit und nicht in Frieden, denn die Siegermächte ließen ihn noch in der Aufräumphase in den so genannten Kalten Krieg münden. Nun kann man sich an den Zustand eines Waffenstillstandes gepaart mit Kaltem Krieg durchaus gewöhnen, ihn sogar als eine Art Friedenszustand ansehen, denn der Alltag, zumindest in Mitteleuropa, bestand in Wiederaufbau und wachsender Wirtschaft. Waffen erlebte man nicht mehr, sie wurden abstrakt. Überregional setzte der Kalte Krieg allerdings seine Maßstäbe. Aufrüstung wurde zu seinem Gebot, und um die Menschen zu beruhigen, definierte man Aufrüstung als Friedenssicherung. Gleichgewicht der Waffen als Gleichgewicht der Mächte, Gleichgewicht der Mächte als Garant für Frieden.

Parallel dazu wurde ernsthaft Friedensforschung getrieben. Verschiedene Modelle und Ansätze wurden durchdacht, aber alle, die nicht von besagtem Gleichgewicht der Waffen ausgingen, wurden als lächerlich und undurchführbar abgestempelt. Der Kalte Krieg erließ seine Gesetze und definierte die Prioritäten. "Frieden schaffen ohne Waffen" wurde zu einem Slogan für Träumer. Realitätsbewusste Menschen setzten auf Rüstung.

Rüstung wurde (wieder einmal) zu einem wichtigen Wirtschaftszweig, und in der zunehmenden Globalisierung und Beherrschung der Welt durch kaum noch durchschaubare Wirtschaftsunternehmen galt es als destabilisierend, an der Notwendigkeit der Rüstung zu zweifeln. Nicht nur den Frieden sollte sie garantieren, auch die Beschäftigungspolitik. Abrüstung gefährdete beides, so lernten wir.

Aber die Aussage, dass noch keine Waffe erfunden worden sei, die nicht auch zum Einsatz gekommen wäre, schwebte über der Rüstung. Schon zum Ende des Zweiten Weltkriegs hatte sie sich wieder einmal bewiesen, beim Einsatz der Atombomben in Japan. Menschenversuche am Feind. Nazi-Deutschland benutzte "minderwertige Menschen" für medizinische Versuche, die Siegermächte waren nicht besser bei ihren Atombombenversuchen. Deutschlands Städte hatten noch nicht alle Kriegsruinen abgetragen, als der erste bedeutende Stellvertreterkrieg in Korea ausgetragen wurde. Der Vietnamkrieg danach dauerte unvorstellbar lange, länger, als je eine Friedensphase zuvor. Und wenn hier in Europa nicht einerseits alle Waffen so dicht gegeneinander gestanden hätten, andererseits der Wirtschaftsstandort BRD nicht ein so bedeutendes Bollwerk gegen den Ostblock geworden wäre - wie schnell hätten die modernen Waffen uns hier im westlichen Mitteleuropa weggefegt. Wohlgemerkt: Waffen beider "Blöcke", eher sogar die des US-geführten Westblocks, denn ein konventioneller oder gar atomarer Krieg in Mitteleuropa hätte den Ostblock unweigerlich empfindlich getroffen, die USA dagegen kaum, Großbritannien wenig. Einzig Frankreich wäre ebenfalls nahe dran und verwundbar gewesen. Frieden in Mitteleuropa auf Kosten der Kriegsschauplätze im Fernen Osten.

Warum führen Menschen Kriege? Ich behaupte: Weil sie ohne Feindbild nicht leben können. Weil der natürliche Trieb, sich und die eigenen Leute zu schützen, nur funktioniert, wenn es eine Abgrenzung gegen "andere" gibt, an der man seinen Schutz ausrichten kann. Für die Mächtigen heißt das: Ausloten der eigenen Kräfte und Machterweiterung. Und weil die natürlichen Aggressionen hin und wieder ganz real ausgelebt werden müssen, stehen im Volk dafür auch immer Soldaten zur Verfügung, die ihrerseits ihre Kräfte ausloten möchten. Auch wenn sie an den Fingern einer Hand abzählen können, das der größte Teil von ihnen "Kanonenfutter" werden wird.

Nun haben schon die Mächte im alten Römischen Reich ein Mittel ersonnen, um in Friedensphasen die Aggressionen ihres Volkes im Zaum zu halten: Brot und Spiele. Übersetzt auf unsere Zeit: Fernsehen und Fußballligen. Natürlich auch satt zu essen, zumindest für die Mehrheit. Dazu das behutsam ausgestreute Gerücht "wer arbeiten will, kriegt auch Arbeit".

Nur geht es mit der Aggressionsableitung bei Fußballspielen mitunter ebenso schief wie im Alten Rom: es gibt Krawalle, Anhänger gegnerischer Mannschaften werden körperlich aggressiv, die Stellvertreterkämpfe reichen nicht aus, auch nicht dann, wenn das gesamte geballte Kriegsvokabular - schießen, treffen, Sieg, Niederlage, fertig machen, ausschalten sind davon noch die harmlosesten Worte - zur Verfügung steht für das verbale Abreagieren. Was tun? Wenn das Feindbild "gegnerische Mannschaft" nicht ausreicht, schauen wir uns in der Nachbarschaft um. Menschen, die anders sind, behindert, mit Dialekt oder Akzent oder gar nicht unsere Sprache sprechend, andere Gewohnheiten lebend - die lassen sich vorzüglich aufs Korn nehmen, können sich auch nicht oder nur begrenzt wehren. Das Feindbild ist im Entstehen. Jeder Vorfall, der von einem dieser potenziellen Feinde verursacht wird, nährt es.

Und wenn dann etwas wirklich Grauenhaftes passiert, das von einem oder mehreren zur definierten Feindgruppe gehörenden verursacht wird - dann gibt es kein Halten mehr. Dann ist der Krieg, zumindest im gesellschaftlichen Verhalten, erklärt. Dann sind "alle" zur definierten Feindgruppe gehörenden verdächtig oder sogar schuldig. Dann "zahlt man es ihnen heim", nicht den Verursachern des Grauenhaften, sondern denen, die "dazu gehören" und gerade greifbar ist.

Das tut gut, und dann können wir wieder Frieden halten, den längsten andauernden unserer Geschichte.


PS: An alle, die mich jetzt "Nestbeschmutzer" oder Ähnliches nennen möchten - das Ganze funktioniert analog in jeder Gesellschaft, die USA haben das beispielsweise bis zur Perfektion im Irak- und Afghanistankrieg nachgewiesen, aber nur die Gesellschaft, die man kennt, kann man einigermaßen redlich beschreiben.


© Brigitte Hutt 2015


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