Brigitte Hutt - IT-Beraterin und Autorin

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Fee

Drei Wünsche

Arthur hat alles schon gesehen, alles erlebt. Er braucht nichts mehr, sagt er. Er braucht seinen Schlafplatz, was zu essen, was zu trinken, fertig.

Bella ist alt, richtig alt, findet Arthur. Wie sie wirklich heißt, weiß keiner. Als sie ankam, hat sie nur gesagt: Ich bin Bella. Das war dann für alle in Ordnung, denn dass eine ihr bisheriges Leben hinter sich lassen und anonym bleiben will, versteht man ja, aber irgendwie muss man die Menschen ja anreden können. Sonst sind sie ja keine Menschen.

Mit der Zeit hat es sich so ergeben, dass Arthur und Bella ihren Schlafplatz beieinander haben. Ist wärmer, finden sie. Arthur hat eine riesige Wolldecke und Bella einen verschlissenen Schlafsack. Wenn sie diese zwei Dinge und darin sich selbst aneinander legen, ist es warm genug. Meistens liegen sie Rücken an Rücken. Man schläft besser ein, wenn da Körperwärme ist. Wenn man erst schläft, ist sowieso alles egal.

*

Der Januar ist in diesem Jahr besonders kalt, und Zusammenrücken ist lebenserhaltend, lebenswichtig. Trotzdem klappern die Zähne, will der Schlaf nicht kommen.

Arthur dreht sich zu Bella herum und streicht unbeholfen über ihren unruhig zappelnden Körper. "Lieg doch still, du deckst uns noch auf."

"Hmm, mach weiter. Das tut gut. Das macht innere Wärme", flüstert Bella, so leise, so zitternd, dass er sie kaum verstehen kann. Nach einer Weile fährt sie etwas fester fort: "Warum bist eigentlich du auf der Straße, Arthur? Du bist klug, hast 'ne Menge Ahnung von allem, bist irgendwie das, was ich ... na, sagen wir mal: kultiviert nennen möchte."

Arthur schnaubt. "Klingt gut. Haben mal alle von mir gesagt."

"Und? Was passierte dann?"

"Dann bin ich einfach abgehauen. Weil mir alles zu viel war. Alle haben an mir gezerrt, Familie, Firma, Fortkommen. Da habe ich gemacht, dass ich fortkomme. Und alle Brücken abgebrochen, sozusagen."

"Wie meinst du das?"

Arthur seufzt. "Ich bin am Weihnachtsabend abgehauen. Nur ich und ein Rucksack. Handy hab' ich dagelassen. Wartet nicht auf mich mit dem Essen, hab' ich gesagt. Ich seh' noch das Gesicht meiner Frau vor mir. Entgeistert, oder vielleicht auch, na ja, verletzt. Heute sehe ich das jedenfalls so, aber damals wollte ich nur weg. Keine Ahnung, was meine Kinder oder auch mein Alter gedacht haben. Wollte ich nicht wissen. Weiß auch nicht, was die jetzt so machen."

"Und was deine Firma jetzt macht", fügt Bella hinzu, und leiser: "Streichle weiter. Bitte."

Eine Weile schweigen sie. Arthur streicht ihr zart über den Rücken, und ihre Atemzüge werden gleichmäßiger, tiefer. Als er schon meint, sie sei eingeschlafen, murmelt sie etwas und rückt noch ein wenig näher an ihn heran. Er drückt sie kurz an sich und fragt vorsichtig: "Und du? Bella? Wie kam es, dass du "

"Bella", murmelt sie, "Bella, die Schöne." Sie lacht, trocken, kratzig. "Ja! War ich mal. War Model, kannst du dir das vorstellen? Bella." Jetzt klingt es mehr wie ein trockenes Schluchzen.

Er streichelt eine Weile weiter und fragt dann, ganz leise: "Ja? Und dann?"

"Erfolg macht süchtig", sagt sie mit rauer Stimme. "Aber der Erfolg eines Models ist kurzlebig. Was bleibt, ist die Sucht. Und dann sucht man sich andere Suchtmittel. Gibt ja genug, meine ich. Aber irgendwann geht das Geld aus, und keiner gibt dir was. Kein Geld, kein Job, kein Joint, kein Garnichts. Aus. Ist so lange noch nicht her. Ich bin nicht so alt, wie ihr alle meint." Erneut klingt es wie ein Schluchzen, verloren, trauernd.

Wieder liegen sie eine Weile schweigend, sich aneinander wärmend.

"Wenn du jetzt ...", Bella stockt und fährt dann fort: "Wenn du jetzt drei Wünsche frei hättest, wenn es das wirklich gäbe, so mit Fee und so, was würdest du wünschen?"

"Dass du jung bist und wieder schön", antwortet er spontan.

Bella lacht leise. "Und weiter?"

"Dass ich dich dann so sehe. Ganz. Jung und schön. Und dann ... ach. Was nutzt die Träumerei."

"Arthur", meint Bella schließlich leise, "meinst du, du kannst ... du könntest ... noch ... Arthur?"

Ein kurzes Stöhnen ist die Antwort. Arthur zieht sie eng an sich, in seinem Kopf beginnt es zu wirbeln.

"Nun, Arthur", hört er die Fee sagen, "hier hast du sie, deine Bella, deine Schöne. Was lässt dich zögern?"

Arthur öffnet die Augen und sieht Bella. Sie hat die Decke abgeschüttelt und die Lumpen, die ihren Körper notdürftig bedecken, gleich mit. Wie glatt ihre Haut ist, wie glänzend ihr Haar. Ihm wird warm, fast heiß. Er will etwas sagen, aber es kommt nichts über seine Lippen. Er will die Hand ausstrecken, aber sie ist schwer wie Blei. Was für eine Nacht. Ein Lachen wächst in seiner Kehle, er will sie rufen. Sie berührt ihn, wie sie ihn noch nie berührt hat. Bin ich auch wieder jung? Das wäre mein dritter Wunsch, denkt er, dann denkt er nichts mehr.

*

Bella hat die Nacht überlebt und, dank Arthurs Wolldecke, die sie, wie auch das Andenken an ihn, in Ehren hält, auch den Winter. Jedem, der es hören will, erzählt sie die Geschichte, dass jemand sie noch vor kurzem schön gefunden hat. Man lacht gutmütig, und hinter ihrem Rücken verdreht man die Augen. Aber der Gedanke an Arthurs letzte Nacht ist alles, was Bella für den Rest ihres Lebens erfüllt.

© Brigitte Hutt 2020

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