Brigitte Hutt - IT-Beraterin und Autorin

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Mondsichel - Teilverfinsterung

Abends gibt es kein Mittagessen

Paiko setzte vorsichtig eine Pfote auf die Holzlatte. Glatt, angenehm, vom Schein des schmalen Monds sanft erwärmt. Das passte. Mit der anderen Pfote schob sie die Latte zurecht, bis sie über den Rand des Daches ragte, schob und schob, bis das andere Ende die Mondsichel berührte.

Fertig, maunzte Paiko zu Malix hinüber, wartete aber nicht auf seine Antwort. Elegant schritt sie, Pfote vor Pfote vor Pfote, über die lange dünne Latte, bis sie die Mondsichel erreichte. Dort wischte sie mit dem Schwanz ein wenig den Sand glatt, dann sprang sie in einen kleinen, gemütlich aussehenden Krater und kuschelte sich zurecht. Die Sterne waren nah und sahen aus wie silberne Blumen. Der dort drüben wie eine Nelke, und der daneben eher wie eine Rose. Paiko mochte keine Rosen, wegen der ekligen Dornen, aber die Sternenrose gefiel ihr. Sie schloss die Augen und schnurrte.

Als sieh einen Plumps hörte, öffnete sie ein Auge. Malix stand vor ihr und scharrte empört im Kratersand.

Du hättest wissen können, dass die dämliche Latte nichts für mich ist, knurrte er mit einem unwilligen Schnauben.

Wie bist du dann hergekommen, fragte Paiko verwundert.

Geflogen. Wie sonst. Malix drehte sich um sich selbst und schaute über den Mondrand.

Bisschen schmal hier alles, sagte er.

Du bist wieder mal mit nichts zufriedenzustellen, maulte Paiko. Es ist doch schön hier. Der warme, weiche Sand. Und die Aussicht, schau nur.

Malix schüttelte seine Mähne und schaute in den Himmel. Tatsächlich, murmelte er, tatsächlich. Die Dinger da oben sehen gut aus, fast lecker.

Die Dinger heißen Sterne, entgegnete Paiko, und sie sehen aus wie Blumen. Blumen isst man nicht.

Ich schon, meine Malix, ich bin Vegetarier.

Paiko schüttelte sich. Probier mal eine, also einen Stern.

Wie soll ich denn den hierherbekommen, fragte Malix und scharrte mit dem Vorderhuf.

Moment, antwortete Paiko und streckte eine Pfote aus, streckte und streckte, und als sie spürte, dass sie einen Stern berührte, gab sie ihm einen sanften Schubs in Malix' Richtung. Der streckte seinerseits seinen langen Hals vor und schaffte es beinahe, den Stern im Vorbeiflug abzufangen. Aber nur beinahe.

Mist, knurrte Malix. Das wäre das ideale Mittagessen gewesen.

Du warst zu langsam, sagte Paiko spöttisch. Und außerdem, es ist Abend.

Ich war nicht zu langsam, und außerdem, es ist ganz hell. Also Mittag.

Aber nein, Dummerchen, als wir losgezogen sind, war es schon dunkel, und das ist erst vier Minuten her.

Woher weißt du das so genau?

Da schau, Paiko wies mit der Pfote zu einem kreisrunden Krater etwas oberhalb ihres eigenen. Er hatte viele kleine Striche rings um seinen Rand. Die Sonne ist genau vier Striche weitergewandert, da sieht man es.

Malix staunte den Krater an und beobachtete, wie die Sonne den nächsten Strich verschlang.

Also gut, meinte er dann, dann ist es Abend. Dann möchte ich Abendessen.

Gibt es nicht, sagte Paiko ernsthaft.

Wieso nicht?

Noch einen Stern schaffe ich nicht, sie sind zu weit weg. Und du hast gesagt, das wäre ein ideales Mittagessen gewesen. Abends gibt es kein Mittagessen. Also gibt es gar nichts.

Ph, machte Malix, spannte seine Muskeln, stieß sich ab und flog wieder davon. Paiko kuschelte sich in ihren Krater und schloss die Augen. So friedlich hier, war das letzte, was sie dachte.

© Brigitte Hutt 2021

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