Brigitte Hutt - IT-Beraterin und Autorin

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Begegnung bei Nacht ... Berührung

Begegnung

Verflixt dunkel, diese Straße. Dunkel und einsam. Der Regen macht es auch nicht einfacher. Wo ist noch mal die Bushaltestelle? Dritte Querstaße rechts, und eine ist schon vorbei. Also noch zwei. Bei all den Bäumen am Straßenrand wird man das Haltestellenschild sicher wieder nicht sehen. Warum habe ich mich bloß auf dieses Lokal eingelassen, in einer Gegend, die ich nicht kenne!

"Kann ich Ihnen helfen?"

Aaah! Fast wäre ich auf die Straße gesprungen, so unerwartet kam die Stimme aus der Dunkelheit.

"N-nein, danke. Ich weiß den Weg." Mehr oder weniger, aber das muss ich ja nicht dazusagen.

"Sie sind nicht von hier, nicht wahr?"

Was will der Typ? Immer so schräg hinter mir, dass ich mich umwenden müsste, um ihn genau anzusehen - und dann hat er meine Aufmerksamkeit, was anderes will er ja nicht. Am besten ignorieren. Ah, da ist die zweite Querstraße. Okay, hinüber. Vielleicht biegt der Typ ja ab.

"Hier ist um diese Zeit zwar wenig Verkehr, aber so einfach die Straße queren ohne hinzuschauen ist schon riskant!"

Was geht es dich an, Spanner! Da schau her, tatsächlich ein Auto. Und was für ein Tempo! Das Wasser spritzt richtig auf den Gehweg. Jetzt hat der Typ auch noch meinen Arm gepackt und

"Jetzt sind wir an der Pfütze vorbei. Sie wollen sicher zum Bus? 114 oder X9?"

"114." Verflixt, ich wollte ihn doch ignorieren.

"Gut, wir sind gleich da. Leider fährt der um diese Zeit nur im Halbstundentakt. So etwa zehn Minuten müssen wir dann noch warten."

Wir? Wir?! Na, da werden "wir" noch Spaß haben. Was mach ich bloß? Etwas schneller gehen. Mist, da war wohl wieder eine Pfütze, und ich habe voll in die Mitte getreten. Der Schuh fühlt sich von innen nicht gut an, gar nicht gut.

Wieder fühle ich, wie er meinen Arm greift, und ich spanne meine Muskeln an. Nein, jetzt bloß keine aggressive Geste, damit erreiche ich nur das Gegenteil. Aber klare Kante, das könnte funktionieren.

"Hören Sie, ich komme zurecht. Lassen Sie bitte meinen Arm los."

Wieso sage ich "bitte"? Das klingt so hilflos. Schon höre ich ihn leise lachen. Dann zieht er an meinem Arm, so dass ich mich losreißen muss, wenn ich nicht stehenbleiben will. Stehenbleiben bei ihm, mit ihm. Alles, nur das nicht. Aber sein Griff ist eisern. Wir stehen.

"Noch drei Häuser, dann rechts. Dann sind wir da", höre ich ihn flüstern. "Hier, in diesem Haus, hat Arwardsen gewohnt. Das ist immer die gruseligste Stelle."

Ich erstarre. Unwillkürlich flüstere auch ich: "Wer ist Arwardsen?"

Er zieht mich an seinem Arm zu sich. Unsere Regenschirme stoßen aneinander, so dass er nicht zu nahe heran kann. Aber für meinen Geschmack ist er jetzt schon zu nah. In der Dunkelheit sehe ich sein Gesicht nur undeutlich. Er ist größer als ich und von kräftiger Statur, das wenigstens sehe ich, und es gefällt mir nicht. Noch immer hält er meinen Arm fest, ganz fest. Wie gelähmt stehe ich da und starre seine Umrisse an.

"Arwardsen?", sagt er leise, gedehnt. "Nie gehört? Das war doch vor drei Jahren in allen Medien. Die entführten kleinen Mädchen. In diesem Viertel eines, aber auch eines weiter im Osten der Stadt. Und alle Spuren führten zu ihm. Er war ihr Sporttrainer. Er wusste, wo sie wohnen, welche Wege sie nehmen. Sie haben ihm vertraut."

Die Stimme verlischt, nur der Griff an meinem Arm, der ist noch da. Und die dunklen Umrisse. Regen rauscht auf unsere Schirme. Mein Herz klopft, dass es in meinen Ohren dröhnt. Ich will etwas sagen, schreien, aber es kommt kein Ton aus meiner Kehle.

Ich räuspere mich und starte noch einen Versuch. "Lassen ... Sie ... mich ... los!"

Schon besser, mit jedem Wort wird es besser, geht es lauter. In dem Haus neben uns geht ein Licht an, sogar ein Fenster wird geöffnet. Ich nutze das und wiederhole, so laut ich kann: "Lassen Sie mich los!"

Es klingt schrill. Panik ist in meiner Stimme.

"Benno?", höre ich eine weibliche Stimme vom Haus her. "Verschwinde, du weißt doch, dass du hier nichts mehr zu suchen hast!"

Ich schaue zu dem erleuchteten Fenster und versuche, die Person zu erkennen, die gesprochen hat. Der Griff an meinem Arm lässt nach, und ich mache einen Schritt rückwärts, fort von ihm. Fast wäre ich gestolpert. Ich schaue mich um, aber niemand ist in meiner Nähe. Das Fenster wird geschlossen, das Licht erlischt. Panisch drehe ich mich um und renne, Pfützen und Spritzer ignorierend, zur nächsten Querstraße, biege ab, renne weiter und sehe endlich das Haltestellenschild. Stolpere darauf zu und halte mich an dem Pfahl fest, als ob der mich retten könnte. Langsam zähle ich, um mich zu beruhigen, da höre ich den Bus kommen. Noch immer stehe ich ganz allein an der Haltestelle, steige in den warmen, einladenden, hell erleuchteten Bauch des Busses, lasse mich auf einen Sitz fallen.

Wie ich den Weg vom Bus nach Hause geschafft habe, weiß ich nicht mehr recht. Jedenfalls mit unvermindertem Herzrasen. Als ich alle nassen Kleidungsstücke abgestreift habe und mich in den Bademantel gekuschelt habe, nehme ich mir trotz meiner zitternden Finger den Computer vor und befrage das Internet.

"... Benno Arwardsen stand im Verdacht, die Mädchen entführt, missbraucht und getötet zu haben. Man konnte es ihm jedoch nicht nachweisen, und am 13.11. entzog er sich dem Verfahren durch Suizid."

Mein Blick fällt auf das Datum am Bildschirmrand. Es ist der 13.11.

© Brigitte Hutt, am 13.10.2021

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