Brigitte Hutt - IT-Beraterin und Autorin

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D-Frage

Die D-Frage

Geschlechtergerechte und antirassistische Sprache - wir modernisieren und erneuern unseren Wortschatz, dass die*der geneigte Normalbürger*in kaum mitkommt. Im Ansatz gut, verstehen Sie mich nicht falsch - aber welche Blüten treibt es!

Kein Schwarzfahren mehr - nein, es geht nicht darum, dass der ÖPV kostenfrei benutzt werden kann, nur das Wort "schwarz" ist in diesem Zusammenhang nicht mehr angebracht. Haben die Politiker übrigens schon mal über ihre "Farbbücher" nachgedacht? Weißbuch, Schwarzbuch (das hat sogar eine eigene Website)? Was machen wir aus denen? Ich schlage vor: Book of Color. Die Unterscheidungen gehen dann halt ein wenig verloren, aber - Hauptsache, die Farben suggerieren nicht einen Zusammenhang den bisher noch niemand gesehen hatte.

Von den Farben geht es nun zu den Buchstaben über, zuerst einmal zum D. Oh weh. DB ist schon lange nur "Die Bahn". Der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband, in aller Bewusstsein als DPWV verankert, hat sein D in "Der" umgewidmet. Der DKSB, der Deutsche Kinderschutzbund, tut es ihm nun nach. Klar, es geht hier nicht nur um die Wohlfahrt oder die Kinder der Deutschen - nur, wer der Sprache (sorry, der deutschen, oder wie wollen wir die künftig bezeichnen?) mächtig ist, liest das schon richtig: der ...verband, der ...bund, verortet in Deutschland. Aber lassen Sie uns das ein wenig weiterdenken. Als nächstes müsste wohl das wichtigste D des deutschen - Pardon: des hiesigen Menschen folgen: DFB, zukünftig wohl "Der Fußballbund". Vor meinem geistigen Auge läuft langsam eine Liste aller an internationalen Fußballturnieren beteiligten nationalen Verbände ab: Italienischer Fußballbund, Französischer Fußballbund, Englischer Fußballbund, Der Fußballbund. Wo liegt "Der"?

Naheliegend ist dann auch, das ganze Land umzubenennen, mein Vorschlag: Bundesrepublik Dasland. Damit "Land" zum einen sein grammatisches Geschlecht behalten kann und zum anderen geschlechtergerecht sächlich betitelt ist. Wohin fährst du im Urlaub? In Dasland. Wohin willst du migrieren? In Dasland. Klingt nicht schlecht, finde ich.

Die Gretchen(m/w/d)-Frage: Was erreichen wir damit?

Und genau wie Fausts Gretchen legen wir damit den Finger in eine Wunde, die mit diesen Maßnahmen nicht geheilt, sondern nur oberflächlich versorgt wird, damit es darunter ordentlich schwelen kann, sozusagen in höllischem Feuer.

Ein Lieblingssatz vieler, vor allem in gestrigen Weltbildern steckengebliebener Mitmenschen: "Das darf man ja heute nicht mehr sagen." -- Immer, wenn jemand (m/w/d) diesen Satz ausspricht, betont er*sie, ruft er*sie allen Zuhörer*innen ins Gedächtnis, was man (m?w?d?) nicht mehr sagen darf. Und beweist damit schlagend und schmerzlich, dass die Weltbilder, bei deren Wandel die neuen Sprachregelungen helfen sollen, lebendiger sind denn je. Insofern funktioniert der verordnete Sprachwandel: Die Menschen folgen tapfer der Verordnung. Aber sie ergänzen mit schöner Regelmäßigkeit etwas Bitteres, Ironisches, Sehnsüchtiges nach früherem Sprachgebrauch und sind sich einig, dass früher, als "man" "das" noch sagen durfte, die Welt noch in Ordnung war.

So ändern wir nichts, meine lieben Verordner. Pardon: Verordner*innen. Strengt euch mehr an. Erfindet Methoden, das Denken der Menschen (langsam, denn anders geht es nicht) in neue Bahnen zu lenken. Spannt eine lesbische Person of Color mit einem alten Weißen Mann in ein Team, zum Beispiel beim Auszählen der Bundestagswahl. Spannt einen türkischen muskelbepackten Müllmann mit einer jungen selbstbewussten israelischen Jüdin vor einen Karren, auf dem Kinder mindestens fünf verschiedener Hauttönungen und Herkunftssprachen sitzen. Und lasst sie alle singen, am besten die Internationale, die ist zumindest in punkto Farbe, Rasse und Geschlecht unbedenklich.

Obwohl - genauer betrachtet ... ich versuche mal, den Text zu modernisieren, lehne aber jede Verantwortung ab, wenn er dann nicht mehr singbar ist.

Wacht auf, Verdammte dieser Erde (m/w/d),
[... 3 neutrale Zeilen ...]
Reinen Tisch macht mit den Bedränger*innen!
Heer der Sklav*innen, wache auf!
Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger
Alles zu werden, strömt zuhauf!

Es rettet uns kein höh'res Wesen,
kein*e Gott*Göttin, kein*e Kaiser*in noch Tribun*in
Uns aus dem Elend zu erlösen
können wir nur selber tun!
Leeres Wort: des Armen (m/w/d) Rechte,
Leeres Wort: des Reichen (m/w/d) Pflicht!
Unmündig nennt man uns und Mägde*Knechte,
duldet die Schmach nun länger nicht!

Die dritte Strophe überlasse ich dem*der geneigten Leser*in dieser Zeilen als Zeitvertreib. Fundstelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Internationale (wobei in diesem Wikipedia-Kapitel unbedingt die "Arbeiterbewegung" gegendert werden sollte). Gott*Göttin sei Dank passt der Refrain:

Völker, hört die Signale!
Auf zum letzten Gefecht!
Die Internationale
erkämpft das Menschenrecht.

Obwohl - genauer betrachtet ... "erkämpfen" ist nun auch ein Anspruch, der die Gesellschaft eher bedrängt als verbessert - das ist zumindest meine Meinung.

Spaß beiseite: Die Sprache krampfhaft zu modernisieren erreicht nur das: Verkrampftheit. Die Menschen brauchen etwas anderes. Sie brauchen Begegnung, mit all denen, gegen die sie eine Phobie empfinden. Nur damit kann sich (langsam, langsam) etwas ändern. Und die D-Frage wird dann die Frage: Zu wem sage ich "Du"?

© Brigitte Hutt 2021

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