Brigitte Hutt - IT-Beraterin und Autorin

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Elefantendusche

Elefantentrauer

Sebastian schlüpfte aus der Tür des Elefantenhauses und schloss sie behutsam hinter sich. Als seine Kollegen ihn fragend anblickten, schüttelte er nur den Kopf.

"Es war einfach zu schwach", sagte er. "Dieser verdammte Virus."

Die anderen schauten betreten zu Boden. "Soraya war so glücklich über ihr Kalb", meinte Paul. "Sofern man das Wort 'Glück' bei Elefanten anwenden kann."

"Vielleicht sollten wir den Körper schnell herausholen?", schlug Andreas vor.

Sebastian schüttelte erneut den Kopf und blickte zurück zum Elefantenhaus. "Nein, lassen wir sie. Sie stehen alle um das Kalb herum und betasten es vorsichtig. Ohne einen Laut. Ich glaube - ich glaube, sie versuchen zu verstehen. Es scheint, als nehmen sie Abschied. Jedenfalls so ähnlich."

"Ist ja gruselig!" Andreas, der jüngste, schüttelte sich. "Es sind Elefanten, keine Menschen!"

"Elefanten sind so", belehrte ihn Paul. "Lies mal nach. Da gibt's 'ne Menge ähnliche Geschichten."

"Tja, dann - geh ich das mal melden", seufzte Sebastian, rückte das Schild "Heute geschlossen" zurecht und schlenderte Richtung Verwaltung.

"Trifft ihn richtig, was?" Andreas blickte dem Kollegen nach. Paul zog die Schultern hoch, ließ sie wieder fallen und ging Richtung Nashorngehege.

Andreas' Schicht endete in wenigen Minuten, daher wandte er sich zu den Umkleidehütten. Dort zog er "Zivil" an, wie er es nannte, und fuhr zur Uni, an der er Genetik studierte. Der Zoo war sein Hobby, seine Einnahmequelle und zugleich sein Studienfeld, insbesondere die vielen Nachzüchtungen in Gefangenschaft, die in dieser Stadt Schlagzeilen machten. Leise klopfte er an die Tür mit der Aufschrift "Professor C. Vollrath".

Der Professor, ein Graukopf mit Brille, die er jetzt in die Locken schob, blickte Andreas, der ihm die Geschichte von dem toten Elefantenkalb erzählte, zweifelnd an.

"Wäre das nicht die Chance?", drängte der Student. "Die Forschung ist so weit, das haben Sie doch selbst bestätigt, und diese traurige Elefantenkuh wäre doch bestimmt regelrecht dankbar für ein neues Kalb, für eine neue Schwangerschaft!"

Professor Vollrath seufzte. "Möglich. Aber auch - nein, das Risiko, dass was schief geht, ist einfach zu groß. Bisher hat das nur mit recht einfachen Lebensformen geklappt, das wissen Sie doch. Und auch, dass diese Experimente, wenn sie mit höheren Lebensformen durchgeführt werden, die Öffentlichkeit zu sehr aufpeitschen. Nein, ich denke, da lassen wir die Finger davon."

"Aber Professor, man muss die Gelegenheiten ergreifen! Wann kommt wieder so eine? Und wir könnten die Forschung ein gutes Stück voranbringen!"

Der Professor blickte nachdenklich auf eine Schautafel an der Wand. "Und der Zoo - er müsste einverstanden sein", meinte er nach einer Weile nachdenklich. "Und das wird er kaum."

"Ha", stieß Andreas aus, "und ob. Die letzten drei, drei! dort geborenen Kälber, vom Nashorn und von den zwei Elefanten, sind gestorben. Der Zoo braucht dringend Positivschlagzeilen!"

"Aber es ist höchst ungewiss, ob das welche werden, Herr Spitzer", antwortete der Professor und erhob sich, um die Schautafel zu inspizieren.

"Die Mammut-DNA ist isoliert, künstliche Sequenzen sind hergestellt, sind sogar schon in Elefantenstammzellen eingepflanzt. Es gibt im Labor Elefantenstammzellen mit Mammut-DNA, die nur darauf warten, in eine Elefanteneizelle eingepflanzt zu werden. Wenn der Elefantenkörper den Fötus abstößt - das erfährt niemand außer uns. Wenn das Kalb ausgetragen wird - dann haben wir eine Schlagzeile, und was für eine! Egal, ob es kurz oder lange lebt, es ist ein Erfolg für uns und für den Zoo."

Andreas hatte sich neben den Professor gestellt und bei seinen Worten auf die relevanten Skizzen der Schautafel gewiesen. Der Professor schwieg lange und studierte jeden Abschnitt der Tafel genauestens. Dann nickte er langsam.

Etwa zwei Jahre später gab es einen Anruf in der Zoo-Verwaltung. "Sebastian Pohl hier, Soraya hat Wehen! Es geht los!"

Alle Kühe im Elefantenhaus schwenkten unruhig ihre Rüssel und stampften mit den Füßen auf. Soraya stieß mitunter kleine Schreie aus. Die Pfleger ließen es zu, dass die anderen Kühe einen Ring um die Gebärende bildeten, denn sie hatten gelernt, dass die Tiere diesen Vorgang am besten unter sich erledigten. Sie kümmerten sich auf ihre Art um Mutter und Neugeborenes, und der Tierarzt griff nur ein, wenn es Komplikationen zu geben drohte, wonach es hier aber nicht aussah.

Alles lief glatt, und am frühen Morgen lag unter Soraya ein verhältnismäßig kleines, mit verklebten braunen Haaren bedecktes Tierchen und bewegte schwach seinen kurzen Rüssel. Die Mutter stupste es an, und nach ein paar Versuchen hatte es sich erhoben und suchte die Zitzen, an denen es hungrig sog. Die Mutter und ihre Schwestern und Kusinen begannen, das Kleine zu säubern.

Jenseits einer Glasscheibe spähten Pfleger, Zoodirektor und die zwei Gäste von der Universität, Doktorand Andreas Spitzer und der alte Professor Vollrath, aufgeregt zwischen die Beine der Tiere, um einen Blick auf das junge Wollhaarmammut werfen zu können. Viel ließen die Elefantenkühe nicht zu an Blicken, sie standen eng um Mutter und Säugling, bewegten sich noch immer unruhig von einem Bein aufs andere und arbeiteten daran, die Haut des Kälbchens zu säubern.

"Haare", flüsterte Andreas rau, "schauen Sie nur, Herr Professor, die Haare. Und - der Rüssel, er ist kürzer als bei Elefanten. Nur schade, dass die Stoßzähne erst später wachsen. Aber es ist wahrhaftig ein Mammut. Ein Mammut! Wir haben es geschafft!"

Der Professor schmunzelte, schob die Brille in die schütter werdenden Haare und klopfte seinem Doktoranden leicht auf die Schulter. "Genetisch noch ein Mammufant, sozusagen. Und - gut, dass es noch keine Stoßzähne hat, das wissen Sie doch. Sonst wäre es ja gar nicht rausgekommen aus der Alten. Na, egal, Sie haben ja recht. Ein Wollhaarmammut, hier und jetzt geboren. Stammvater oder mutter vielleicht einer ganzen Herde. Glückwunsch, mein Lieber, Glückwunsch zu Ihrer Hartnäckigkeit."

Der Pfleger Sebastian murmelte: "Was haben die nur. Sie werden immer unruhiger. Das ist doch nicht normal."

"Wer? Ach, Sie meinen die Kühe?" Der Professor riss sich los von den haarigen Beinchen, die in der Mitte der Gruppe zu sehen waren und musterte die großen Tiere. "Vielleicht sind die genau so aufgeregt wie wir!" Er lachte. "Rufen wir die Presse?"

Sebastian schüttelte erregt den Kopf. "Keine Presse. Keine Blitzlichter. Wir müssen die Herde in Ruhe lassen, zumindest bis sie sich beruhigt haben. Am besten sogar, bis Kuh und Kalb ins Freigehege raus gehen."

Ein wilder Trompetenstoß drang aus dem Gebärraum. Die Mutter hatte ihn ausgestoßen, so schien es, und ein heller, fast verzweifelter Piepser folgte. War das das Kalb? Als hätten die beiden ein Startsignal gegeben, so trompeteten nun alle Kühe durcheinander und rückten, wenn möglich, noch enger zur Mitte, zu dem Neugeborenen. Sie stießen es, stießen auch die Mutter, die sich zu wehren versuchte, während sie zugleich daran arbeitete, ihr Kind in die Ecke zu schieben und sich schützend davor zu stellen. Aber die anderen Kühe griffen immer wieder mit den Rüsseln nach dem Kind, stießen es hin und her, warfen es schließlich um und - begannen auf ihm herumzutrampeln. In die schrillen Schreie der Mutter mischten sich die der Zuschauer. Sebastian rannte zur Tür, die die Menschen von den Tieren trennte. Der Professor erwischte ihn am Arm.

"Sind Sie wahnsinnig? So, wie die in Rage sind, trampeln sie Sie auch noch tot!"

Das wollige Kalb rührte sich schon nicht mehr. Die Mutter stand daneben und schrie und schrie. Die anderen Kühe drehten sich weg und ließen das traurige Paar allein. Die Menschen schauten fassungslos durch die Glasscheibe, betrachteten ihren Zuchterfolg, der ein so kurzes Leben gehabt hatte.

"Warum haben die das getan?", flüsterte Andreas schließlich. "Es sah doch gesund aus!"

Sebastian schluckte krampfhaft. "Für Sie vielleicht", sagte er mit belegter Stimme. "Nicht für die Elefanten. Sie haben vermutlich versucht, die Haut sauber zu bekommen, und da das nicht gelang, die Haare für so etwas wie eine angeborene Krankheit gehalten. Da hat ihr Instinkt beschlossen, das Kalb besser zu töten." Er wandte sich ab und wischte sich über die Augen. Leise setzte er hinzu: "Vielleicht sind sie klüger als wir."

Die Wissenschaftler beobachteten Soraya, die sich ein wenig beruhigt hatte und nun ihr totes Kind vorsichtig mit dem Rüssel betastete.

"Sie hat es angenommen", sagte Vollrath leise, "beim nächsten Mal müssen wir sie nur von den anderen isolieren. Und mit dem Kalb haben wir genug Mammut-DNA für Jahrzehnte."

© Brigitte Hutt 2016

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