Brigitte Hutt - IT-Beraterin und Autorin

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Familienlabyrinth

Familienrat

"Dann sollte ich es wohl den Kindern sagen."

Paul nahm ihre Hand und drückte sie.

"Ich bin bei dir. Wir schaffen das."

"Den Satz kann ich schon nicht mehr hören, Paul. Also, die Kinder. Bitten wir sie doch am Sonntag zum Kaffee, was meinst du?"

Paul nickte und ging hinaus zum Telefon. Er rief Susanne an, und Rita versuchte Manuel zu erreichen. Wie fast immer endeten alle Versuche auf der Mailbox. So gern Rita ihn persönlich gesprochen hätte, schließlich hinterließ sie doch die Nachricht, dass er bitte am Sonntagnachmittag zu seinen Eltern kommen möge, Mutter würde einen Kuchen backen, und Susanne käme auch. Rita hoffte letzteres zumindest. Zu guter Letzt versuchte sie es noch bei Ulrike, ihrer Jüngsten, die zwar sofort ans Telefon ging, aber wegen des erbost brüllenden Kleinkindes im Hintergrund nur schwer zu verstehen war.

"Ulli, können wir am Sonntag mal wieder so etwas wie einen Familienrat machen? Es gäbe da etwas zu besprechen." Oh weh, wie unbeholfen sich das anhörte.

"Was? Was meinst du, Mama? Entschuldige, warte einen Moment. Tobi, Schatz, hier hast du den Teddy, Mama kommt sofort wieder spielen. - So, was ist los?"

"Ich möchte, dass wir wieder mal alle zusammenkommen, Susanne, Manuel, du und wir Eltern. Es gäbe ..."

"Himmel, Tobi! Nur einen Moment noch, ja! Mama, können wir vielleicht später telefonieren?"

Rita holte tief Luft und hob die Stimme. "Sonntag! Nachmittag! Um drei! Kannst du bitte kommen? Bitte!"

"Mama, das ist wirklich schlecht. Thomas hat Dienst, und ich habe die Kleinen. Weißt du doch. Muss es diesen Sonntag sein?"

"Ja!"

Rita hielt erschrocken die Luft an. Das war fast ein Schrei gewesen. Was würde Ulrike nun sagen? Aber auf der anderen Seite war nur ein verlegenes Okay und ein Tschüss zu hören, dann nichts mehr.

Paul kam zurück. "Susanne lässt grüßen. Sie kommt. Aber nur für eine Stunde, sie muss abends noch zum Flughafen. Dienstreise. Nach Taiwan, stell dir vor."

Rita schluckte. "Schön eigentlich, dass alle so in ihrem Leben angekommen sind. Aber jetzt müssen sie wenigstens mal zuhören. Einmal ihren Eltern zuhören, findest du nicht auch?"

"Sicher. Werden sie auch. Am Sonntag. Wirst schon sehen."

Der Sonntag kam, ohne dass eines der Kinder sich noch einmal gemeldet hätte. Von Manuel hatten sie gar nichts gehört. Ob er kam, war also ungewiss. Und sie wollte es doch allen gemeinsam sagen.

Susanne klingelte pünktlich um 15 Uhr, der traditionellen Familienkaffeezeit. Sie brachte einen Prospekt mit und begann aufgeregt von der Reise nach Taiwan zu erzählen. Riesenchance, meinte sie gerade, als es erneut klingelte. Manuel. Er umarmte seine Mutter, drückte seinem Vater die Hand und fragte, was es Neues gäbe.

"Warten wir noch auf Ulli? Setzt euch doch schon mal."

"Oh, Donauwellen! Mama, du bist die Beste."

"Ehrlich, Mama, das sind eine Menge Kalorien. Ich esse kaum noch Kuchen. Als Frau im Management muss man immer eins besser sein als die männliche Konkurrenz."

"Und das ist man, wenn man auf Kuchen verzichtet?" Manuel lachte und nahm sich ein Stück. Rita schenkte Kaffee ein und schaute auf die Uhr.

"Wo Ulli nur bleibt?"

"Ach, Mama, du kennst sie doch. Die Kinder sind immer Ausrede genug, unpünktlich zu sein."

"Schatz, ich habe drei großgezogen, erinnerst du dich? Aber ich weiß noch, dass immer eins noch aufs Klo muss, wenn eigentlich alle schon an der Tür stehen."

"Na, das kann bei Ulli ja nur der Große sein, der Kleine trägt ja noch Windeln."

"Die sicher genau um halb drei voll waren", meinte Paul schmunzelnd.

"Halb drei? Da hätte sie schon im Auto sitzen müssen. Halt, es klingelt!"

Rita eilte zur Tür, und die nächsten Minuten waren von Kinderlärm und Ullis Besänftigungsversuchen und Ritas Umarmungen und Kosenamen aller Art erfüllt. Schließlich saßen alle Erwachsenen um den Tisch, die Kinder auf dem Schoß je eines Großelternteils, versorgt mit Saft und Kuchen und somit erst einmal beschäftigt.

Ulli stöhnte ein wenig und sagte: "Mama, wirklich, ich hab' euch wirklich gern, aber bitte beim nächsten Mal etwas langfristiger planen, ja? Es war so ein Gehetze heute."

"Längerfristig", warf Manuel ein.

"Was?"

"Es heißt längerfristig, nicht langfristiger."

"Klugscheißer."

"Sagt man nich!" Ullis Ältester warf seine Erziehungsweisheit in die Runde, Krümel und Sahne spuckend. Daraufhin war Ulli erst mal mit Putzen und Zurechtweisen beschäftigt.

"Kinder, schön, dass es geklappt hat", sagte Paul dann, "Mama möchte ..."

"Mama, eigentlich ist es toll, dass wir uns heute noch mal alle sehen!"

"Was? Was meinst du?" Rita schaute sie erschrocken an.

"Na ja, ich bin dann erst mal sechs Wochen weg. Mindestens. Könnten auch zwei Monate werden."

"Davon hast du uns bisher ja gar nichts erzählt!"

"Ach Mama, bitte. Das hat sich so peu à peu ergeben, du weißt doch, wie das ist."

"Nein, weiß ich nicht, ich war noch nie im Management." Rita klang gegen ihren Willen bitter.

Manuel fragte: "Und was machst du da drüben dann?"

Susanne zog erneut ihren Prospekt hervor. "Schau, da wird eine Niederlassung gegründet. Also zuerst werde ich ..."

"Bitte, Kinder, Mama möchte ..."

"Ja, sicher, hier, Mama, schau mit rein. Das Heft ist zweisprachig."

Susanne sprudelte ihre Pläne heraus. Rita hörte kaum zu und warf Paul verzweifelte Blicke zu.

Ulli setzte ihre inzwischen gesättigten Kinder auf den Boden und stellte die übliche Tasche mit Spielsachen zwischen sie. Dann setzte sie sich wieder an den Tisch und unterbrach ihre Schwester: "Also wirklich, Suse, immer muss es nur um dich gehen. Immer deine Karriere. Dabei habe ich immerhin zwei Rentenzahler in die Welt gesetzt. Als ob das nichts wäre."

"He, ich erzähle von einer Chance, von meiner Chance! Von deinen Kurzen ist doch sonst ununterbrochen die Rede! Tobi kann dies, Luki hat jenes gemacht und so weiter und so fort. Jetzt bin mal ich dran!"

Manuel hob beide Hände. "Mädels, sachte. Es ist unglaublich, man könnte fast die Uhr danach stellen, wie lange es dauert, bis ihr zwei in Streit geratet. Ich habe fast keine Lust mehr auf diese Familiensonntage. Was tue ich hier eigentlich?"

Paul räusperte sich. "Könntet ihr mal einen Moment stille sein und einfach zuhören?"

"Genau", warf Manuel dazwischen, "einfach zuhören. Es gibt nämlich mehr als nur euch zwei auf der Welt. Was zum Beispiel mich betrifft ..."

Ein wilder Aufschrei unterbrach ihn. Lukas hatte Tobis Lieblingsauto genommen, und Tobi hatte Lukas daraufhin ins Bein gebissen. Mutter und Großmutter sprangen auf und versuchten, die Kinder zu beruhigen.

Susanne quiekte und sprang auf. "Seid mir nicht böse, ich muss los! In zwei Stunden geht mein Taxi zum Flughafen! Ach, ich werde euch vermissen, wenigstens ein bisschen!"

Sie packte Tasche und Jacke, warf ihren Eltern ein Kusshändchen zu und war aus der Tür, bevor jemand sie bremsen konnte.

Manuel stand auf und umarmte seine Mutter fest. "Nicht böse sein. Große Chance für kleine Suse, und sie ist einfach total aufgeregt. Wie damals bei ihrem Schultheater, erinnerst du dich? Schau nicht so bekümmert, Lieblingsmama, du hast ja noch die Kleinen zum Ablenken. Ich gehe dann auch mal. Erzähle euch ein andermal von meinem uninteressanten Leben, okay?"

Er drückte seiner Mutter einen Kuss auf die Wange, legte einen Finger auf ihren Mund, als sie protestieren wollte, und folgte seiner Schwester hinaus.

Paul schüttelte den Kopf und sah Rita traurig an. Die biss die Zähne zusammen und sagte leise: "Jetzt ist es ja ohnehin schon zu spät."

"Was ist zu spät?" Ulrike, auf dem Teppich kauernd, den immer noch weinenden Lukas im Arm, schaute auf.

"Ach, nichts", sagte Rita leise, "schon gut."

Ulrike schnupperte. "Oh nein, Windel voll?" Sie sah Tobi an. "Schatz, jetzt weiß ich, was ich vergessen habe. Wickeltasche!"

Sie stand auf, nahm Tobi auf den Arm und Lukas an die Hand. "Nicht böse sein, liebe Eltern, dann müssen wir wohl auch. Danke für Kuchen und so, und trägst du mir bitte die Spielsachen raus, Papa?"

Paul nickte, sammelte Autos und Bauklötzchen ein und folgte Tochter und maulenden Enkeln hinaus.

Rita drehte sich zum Fenster und ließ die Tränen fließen. Das tat gut, spürte sie. Wenigstens das tat gut. Nun war die Chance vorbei, sie hatte den Kindern nichts erzählt, und Susanne war nun wochenlang weg. Ob wirklich alles gutgehen würde? Diese Krankheit war eine Sache für sich, und die Operation war nicht ganz einfach, hatte der Arzt gemeint. Mit einem sehr besorgten Gesicht.

Paul war hinter sie getreten und legte nun die Arme um sie.

"Sie leben ihr eigenes Leben", meinte er leise, und Rita hörte in seiner Stimme ebenfalls Tränen, "und das ist gut so."

"Wir schaffen das", murmelte Rita, und beide mussten unter Tränen lachen.



Brigitte Hutt 2022

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