Brigitte Hutt - IT-Beraterin und Autorin

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Guter Wolf gut versteckt

Vom Mädchen und dem Wolf

Es war einmal ein Wolf, der lebte in einem großen Wald in der Nähe eines Dorfes. Einst hatte er zu einem Rudel gehört, aber die anderen Wölfe waren erschossen oder vertrieben worden, bis nur er allein übrig geblieben war. So versteckte er sich im Unterholz, riss das eine oder andere wilde Kaninchen, und manchmal, wenn der Hunger groß war, schlich er sich zum Dorf und holte sich ein Schaf oder eine Ziege. Das gab jedes Mal einen großen Aufstand; die Männer aus dem Dorf liefen tagelang mit Flinten durch den Wald, aber der Wolf kannte sich besser aus und wurde nicht gefunden. Und irgendwann gaben die Männer auch wieder Ruhe. Das war wichtig, denn durch den Wald führten Wanderwege, und die Ausflügler aus der Stadt, die sich hier erholen wollten, durften nicht beunruhigt werden.

Der Wolf streifte oft durchs Unterholz, um die Wanderer zu beobachten. Er fand sie immer sehr schnell, denn sie waren nie zu überhören. Vom lautlosen Anschleichen hatten sie wohl keine Ahnung. Der Wolf betrachtete die bunt leuchtenden Hosen und Westen, die dicken Stiefel und die prall gefüllten Rucksäcke, hörte Menschen miteinander reden, hörte und sah sie essen und trinken, und er hatte nie Lust, nähere Bekanntschaft mit ihnen zu machen.

Am liebsten mochte er die, die alleine liefen. Sie achteten noch am ehesten auf die Natur und ihre Geräusche, wenn er auch sicher war, dass sie ihn nicht bemerken konnten. Eines Tages kamen zwei junge Mädchen des Weges, schon sehr früh am Morgen, als der Wald gerade erwachte. Der Wolf hatte sich gereckt und gestreckt und spürte seinen leeren Magen. Unschlüssig, was er nun frühstücken sollte, lief er erst einmal kreuz und quer durch seinen Wald. Dabei kam er auch dem Wanderweg nahe und sah die Mädchen. Er wunderte sich, dass er sie nicht zuerst gehört hatte, aber sie setzten ihre Füße tatsächlich sehr behutsam auf und schauten umher, als seien sie auf der Suche. Sollten auch sie Hunger haben und nach Kleintieren Ausschau halten?

Da sah er, wie eines der Mädchen das andere anstupste und ins Unterholz wies, ungefähr da, wo er, der Wolf, unter einem Strauch saß, und er erschrak sehr. Vorsichtig erhob er sich und schlich ein paar Schritte rückwärts, die Mädchen nicht aus den Augen lassend. Aber sie hatten wohl gar nicht ihn bemerkt. Sie kamen zwar einige Schritte näher, bückten sich aber nach irgendetwas anderem. Drangen weiter ins Unterholz vor, bückten sich, flüsterten. Die trockenen Blätter auf dem Waldboden raschelten.

Der Wolf zog sich sehr langsam weiter zurück, ohne die Mädchen aus den Augen zu lassen. Da stieß die eine einen kurzen Schrei aus und fiel, hilflos mit den Armen rudernd, begleitet vom Knacken brechender Zweige.

"Was ist los? Was hast du?", rief die andere erschrocken, alle Behutsamkeit außer Acht lassend.

Die Gefallene stöhnte und rieb sich den Knöchel. "Ich bin in eine Art Loch getreten. Au, tut das weh."

"Kannst du aufstehen? Warte, ich helfe dir."

Die Mädchen mühten sich ab, und der Wolf hörte Stöhnen und Jammern. Kurz stand die Gestürzte auf einem Bein wie ein schlafender Vogel, dann versuchte sie das andere aufzusetzen und fiel mit einem erneuten Schrei zurück auf den Waldboden.

"Das ist schlimmer, als ich gedacht habe. Ich kann tatsächlich nicht mehr auftreten. Und laufen wohl auch nicht. Kannst du Hilfe holen? Telefonieren?"

Das andere Mädchen schaute sich um. "Himmel, wo ist denn der Weg? Wir sind aber weit ab gekommen!"

Sie holte etwas aus ihrer Hosentasche, hielt es hoch, tippte darauf herum und sagte mit einem ärgerlichen Unterton: "Und kein Netz. Mist. Da muss ich wohl ... ich muss den Weg finden und selbst zurückgehen. Zumindest ein Stück."

"Du kannst mich doch hier nicht allein lassen! Du hast doch gehört, dass sie im Gasthaus von Wölfen geredet haben!"

"Aber wenn du nicht laufen kannst? Was schlägst denn du vor?"

"Ach. Du hast ja Recht. So ein "

Das Mädchen weinte fast. Der Wolf überlegte, ob er sich zeigen sollte und den Mädchen klar machen, dass sie nicht allein waren, aber er hatte begriffen, dass sie genau davor Angst hatten. Während die beiden noch Vorschläge besprachen, die allesamt undurchführbar schienen, lief er zu einem seiner üblichen Pfade durch den Wald und schnürte Richtung Dorf.

Am Waldrand sah er den Förster. Der konnte helfen, dachte der Wolf und zeigte sich kurz. Der Förster sah in die Baumkronen und bemerkte den Wolf nicht. Der Wolf knurrte. Der Förster sah sich um, aber in die falsche Richtung. Da lief der Wolf weiter.

Am Rand eines Weizenfeldes sah er den Bauern, der den Stand der Ähren prüfte. Wieder zeigte sich der Wolf kurz und knurrte leise. Der Bauer sah auf, bemerkte das Tier, schrie etwas, wild und wütend, und hob Steine auf, die er nach dem Wolf warf. Dieser zog sich Schritt für Schritt zurück in der Hoffnung, dass der Bauer ihm folgte und er ihn zu den Mädchen führen konnte, aber kaum hatte der Bauer den Wald erreicht, war er zufrieden, den Wolf vertrieben zu haben, und ging zurück.

Der Wolf lief weiter am Dorfrand entlang. Was tun? Wie die Menschen dahin bringen, wo sie gebraucht wurden?

Da kam er an der Kuhweide vorbei. Einige Kühe hatten Kälber. Schon recht groß waren sie, aber eindeutig noch Kälber. Der Wolf duckte sich unter den Elektrozaun und lief quer über die Weide auf ein Kalb zu. Die Kühe hatten ihn natürlich sofort bemerkt. Sie brüllten laut, trieben ihre Kälber zusammen und schlossen einen Ring um sie. Der Wolf lief mehrmals im Kreis um die Kühe herum. Sie hörten nicht auf, zu brüllen und zu warnen, bis plötzlich vom Dorf her zwei Männer mit Gewehren kamen. Darauf hatte der Wolf gewartet. Er schoss wie der Blitz zurück, unter dem Zaun durch und in den Wald hinein. Dort hielt er kurz an und lauschte. Die Männer kamen näher, wie er es geahnt hatte. Der Wolf lief weiter, im Zickzack hin zu dem Unfallort der Mädchen. Im Gegensatz zu seinen Gewohnheiten trat er oft auf trockene Zweige, raschelte mit den Blättern und ließ hin und wieder sein Fell durch Lücken im Unterholz blitzen, aber so kurz, dass niemand anlegen und schießen konnte. Sie riefen und schimpften, schossen auch ein paarmal ins Nichts, aber vor allem folgten sie ihm.

Plötzlich hörte er die Mädchenstimmen. "Nicht schießen! Hierher! Wir brauchen Hilfe!"

Der Wolf schnupperte - ein Hase war in Reichweite. Er duckte sich unter einen Strauch und schnürte so leise, wie nur er es konnte, los.

© Brigitte Hutt 2021

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