Brigitte Hutt - IT-Beraterin und Autorin

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ich war's nicht

Achtet die Worte und die Menschen –
Am Tag nach dem Anschlag in Paris am 7.1.2015

Anschlag auf eine Zeitschriftenredaktion, 12 Tote, schlimm genug. Vermutet wird islamistischer Hintergrund. Was heißt islamistisch? Das Wort wird benutzt, wenn Muslime töten. Wie nennt man es, wenn Christen töten? Christistischer Hintergrund? Oder abendländistischer Hintergrund? Was soll dieses unsägliche " istisch"? Wohl abgeleitet von terroristisch, und das ist eine normale Adjektivableitung aus Terror. Ist jeder Mord, jeder Anschlag, den ein muslimisch inkulturierter Mensch ausübt, islamistisch? Dann müssen wir schleunigst das Wort christistisch oder ein ähnliches etablieren. In diesem unserem christlichen Abendland gibt es immer noch mehr (und ebenso schreckliche) Morde von Christen, oder Christisten, also christlich inkulturierten Überzeugungstätern. Wovon sind sie eigentlich überzeugt? Vom Sinn ihrer Tat? Jedenfalls sehe ich sonst nichts, was auf eine Überzeugung schließen ließe.

Also unterscheiden wir fürderhin zwischen Muslimen - religiösen Menschen, die an die Offenbarung des Korans glauben - und Islamisten, die als Muslime sozialisiert zu Tätern wurden, welche vom Sinn ihrer Taten überzeugt sind. Und wir unterscheiden zwischen Christen - religiösen Menschen, die an die Botschaft Jesu Christi glauben - und Christisten, die als Christen sozialisiert zu Tätern wurden, welche vom Sinn ihrer Taten überzeugt sind. Das ist eine sehr hilfreiche Unterscheidung, mit der man noch beliebige weitere Kreise ziehen kann: Juden und Judisten, Buddhisten und Buddhististen - nein, für diese Doppel-ist-Endungen müssen wir uns noch was Neues einfallen lassen. Eigentlich steht ja - als Beschreibung eines Religionsausübenden bzw. einer Religion - Muslim parallel zu Christ und Islam parallel zu Christentum. Islamisten zu Christentumisten? Wäre eventuell ein Ansatz. Macht das Wort länger, aber trotzdem deutlicher. Macht aber die Endung " isten" endgültig zu etwas sehr scheußlichem. Wie in Karrieristen. Wie in - Polizisten? Offensichtlich doch eher eine Sackgasse.

"ist" kommt von "sein", dritte Person Singular. Hilft das weiter? Islamisten sind die Islam-seienden? Nein, im Gegenteil, sie sind die den Islam pervertierenden, die im Islam nur noch ihre eigene (Un)Tat sehen. Hilft das weiter? Statt "…isten" "…pervertierer" zu sagen?

Muslime versus Islampervertierer. Christen versus Christentumpervertierer. Und so weiter. Das " mper" in der Mitte dieser Wörter klingt wiederum ziemlich gruselig, so nach "Schlamper" oder gar - etwas lockerer assoziiert -"Dumpfbacke". Letzteres passt allerdings recht gut, meine ich. Leider ist das ein Umgangssprachwort, und wir brauchen ja ein nachrichtenhochsprachliches. Aber nutzen Nachrichten überhaupt noch eine Hochsprache?

Auch auf die Gefahr hin, jetzt rechthaberisch oder gar altmodisch zu klingen: nein, und auch das ist gruselig. Beispiel: Pegida. Die Bewegung, die in atemberaubender Geschwindigkeit das christliche Abendland überrollt um es vor Überfremdung zu retten. Vor Überfremdung retten durch Überrollung, auch eine Möglichkeit. Aber zurück zur Nachrichtensprache: So regelrecht beruhigend es ist, dass sich namhafte Menschen mit Aufrufen gegen Pegida stellen, so läppisch wird diese Information in den Medien, wenn gesagt wird (nicht in BILD, sondern im öffentlich-rechtlichen Rundfunk): "Zahlreiche Promis wenden sich gegen Pegida". Promis. Ich meine, wenn im öffentlich-rechtlichen Rundfunk das Wort Promis akzeptabel ist, dann kann man auch von Dumpfbacken reden. Wohlgemerkt: Wem das Wort Dumpfbacke zu wenig nach Mord und Anschlag klingt: " isten" enthält davon auch nichts. Islamdumpfbacken, Christentumdumpfbacken. Abendlanddumpfbacken. Überrolldumpfbacken. Pegidadumpfbacken.

Oder: Wir kehren zurück zu etwas mehr Sorgfalt in der Nutzung der Sprache, sagen wieder "Prominente" statt "Promis", und dann - oh Wunder - funktioniert plötzlich "Terroristen mit islamischem (oder welchem gerade vermuteten) Hintergrund", was eine klare Aussage ist, die nicht gleich eine ganze Religion in Verruf bringt. Aber dann bitte auch konsequent und gerecht: Kinderschänder mit christlichem Hintergrund. Muttermörder mit christlichem Hintergrund. Steuerhinterzieher mit christlichem Hintergrund.

Das mit der Gerechtigkeit und Konsequenz wünsche ich mir auch in einem weiteren Aspekt des investigativen Journalismus. Die Menschen auf der Straße, so wird heute gefordert, sollen sich deutlich von den Terroristen, die den Pariser Anschlag verübt haben, distanzieren. Mit den Menschen auf der Straße sind wiederum die Muslime gemeint. Nun ist es leider so, dass nicht jeder Mensch auf der Straße eindeutig als Muslim oder Nicht-Muslim erkennbar ist. Folglich muss die Forderung eigentlich dahingehend ausgeweitet werden, dass jeder Mensch auf der Straße sich von etwas, das ihn und seinen Hintergrund betrifft, distanzieren muss. Hängen wir uns also Schilder um. Auf denen der Muslime sollte stehen "ich distanziere mich von den Pariser Attentätern" und vielleicht vorsichtshalber für alle nicht-frankophilen noch "ich distanziere mich von den Attentätern des 11. September". Und auf denen aller deutschen Staatsbürgern sollte stehen "ich distanziere mich vom nationalsozialistischen Untergrund und seinen Morden". Bei denen, die in zweiter oder dritter Generation schon Deutsche sind, auch noch "ich distanziere mich von Hitler, der NSDAP, den Judenverfolgungen und den fabrikmäßigen Massenmorden meiner Vorgängergeneration". Die Aufschriften der Schilder weiterer Bevölkerungsgruppen überlasse ich zunächst einmal der Fantasie der Leser, oder der Journalisten, denen wird schon was einfallen. Ach ja, die Journalisten selbst könnten ihren Schildern noch hinzufügen "ich distanziere mich von der kritiklosen Hetzberichterstattung mancher Medien". Wenn es denn die Wahrheit ist.



© Brigitte Hutt 2015

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