Brigitte Hutt - IT-Beraterin und Autorin

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Brücke zur Freiheit

Vive la Révolution!

Das Telefon klingelte. "Ja?"

"Mädelsabend?"

"Wieder mal?"

"Komm schon, hatten wir schon ewig nicht mehr."

"Ja, weil es immer das gleiche ist. Weil alle immer alles besser wissen wollen."

"Aber diesmal nicht, nur wir drei!"

"Ach, sie kommt auch?"

"Ja, Ehrensache. Wir drei, wir drei Schwestern im Geist. Klar, es geht ihr nicht so gut, sie wird von allen falsch verstanden, aber sie ist doch eine von uns!"

"Ach, du kannst es wohl nie lassen. Also gut, ich bin dabei."

Sie trafen sich in Paris, wie immer. Alle drei hatten das Gefühl, dass sie hier zu Hause seien, dass es ihnen hier am besten ginge, trotz aller Blessuren, die sie - auch hier - davon getragen hatten. Die Gespräche drehten sich, wie immer, um die Zukunft, um bessere Zeiten, um das, was möglich wäre, wenn - ja, wenn sie das Sagen hätten, sie drei. Träumereien, warf immer wieder mal eine geringschätzig ein, die anderen hatten dann aber sofort Gegenargumente.

"Schau, was wir schon erreicht haben, Liv, schau, wie gut es den Menschen inzwischen geht!"

"Ja? Den Reichen und Schönen, denen geht's gut. Ich dachte, gerade du willst, dass es allen gut geht? Es krepieren genug Menschen auf der Straße."

Die Antwort kam prompt: "Wenn doch nur alle endlich lernen würden, mehr aufeinander zu achten, auf die Bedürfnisse der anderen. Ich meine, dafür sind wir doch angetreten, damals!"

"Ach, wirklich? Ich meinerseits bin angetreten für das Recht, auf meine eigenen Bedürfnisse achten zu dürfen, und auf nicht sonst!"

Die beiden anderen wechselten Blicke. Klar, die zwei hatten schon immer ein besonderes Verhältnis zueinander gehabt. Liv spürte, wie es in ihr zu kochen begann, wie der Geist der Revolution wieder erwachte.

"Wisst ihr was? Genau das werde ich jetzt tun: auf meine, meine! Bedürfnisse achten."

Sie trank ihr Glas aus und warf die Tür hinter sich zu. Beschwingt ging sie durch das nächtliche Paris, berauscht vom Wein und dem Gefühl für sich selbst. Sie sah das Glitzern der Straßenlaternen in den Pfützen, die sogar den Schmutz veredelten. Sie sah Menschen geschäftig hin und her eilen, sah wieder andere am Straßenrand hocken, trotz des feuchten Bodens, die Mütze vor sich liegen. Fast automatisch warf sie einem von ihnen eine Münze hinein. Verdammt, dachte sie, das ist eigentlich nicht mein Job. Andererseits - was war ihr Job? War es nicht gerade ihr Privileg, selbst entscheiden zu können, ob und wem sie Gutes tun wollte? Das war's doch eigentlich, war es nicht das, wofür `sie damals angetreten waren?

Sie blieb stehen und dachte an die alten Zeiten, und mit einer gewissen Rührung an ihre Schwestern im Geiste. Dachte an die Abhängigkeiten, die sie aufgebrochen hatten, an den Mut und die Zuversicht, die sie auf die Barrikaden geführt hatten. An dieses unbeschreibliche Gefühl, nicht mehr gehorchen zu müssen, überhaupt nicht mehr zu "müssen". Dann drehte sie sich auf dem Absatz um und ging zurück zu dem Zimmerchen, in dem der Mädelsabend für die beiden anderen noch andauerte.

"Hört zu, Mädels, ich glaube, ich habe eine gute Idee. Lasst mich nur machen, ich meine, wenn die Leute nur erkennen, was sie alles können und auch dürfen, dass ihnen niemand ihre Rechte nehmen kann, dass sie nur sich selbst gehören - dann werden sie so glücklich sein, dass eure Anliegen sich fast von allein ergeben, nicht wahr? Also lasst mich erst mal, lasst mich zuerst meine Ideen verbreiten, ihr könnt mir doch zuarbeiten dabei!"

Die beiden anderen zeigten sich in keiner Weise begeistert, im Gegenteil, sie schwiegen betreten. Schließlich ergriff Egi, die unermüdliche Kämpferin, wieder das Wort.

"Liv, aber genau darum geht es doch: dass nicht eine das Sagen hat, sondern wir alle ohne Unterschied! Und nun kommst du und willst, dass wir dir zuarbeiten. Das ist aber doch Verrat an der Sache!"

"Es funktioniert aber nicht, wenn alle ohne Unterschied entscheiden dürfen, dann schränken sie sich doch wieder gegenseitig ein! Wir wollten doch Schranken beseitigen, nicht errichten!"

Freya warf ein: "Es ist keine Einschränkung, auf den Nachbarn zu achten, es ist eine Bereicherung."

"Oh, Freya, du Sozialschwärmerin, glaubst du wirklich, was du da sagst?"

Freya war den Tränen nah. Liv und Egi standen sich mit roten Köpfen gegenüber, keine von beiden bereit, auch nur einen Schritt nachzugeben.

"Na gut." Liv schaute von einer zur anderen. "Na gut, ihr versteht es eben nicht. Was der Mensch braucht, wirklich braucht, um aufrecht zu stehen, um stark zu sein."

"Keinen anderen über sich!", rief Egi, und gleichzeitig Freya: "Die Liebe der anderen!"

Liv schüttelte den Kopf. "Ich werde es euch beweisen. Ich."

Sie nahm die Weinflasche vom Tisch, holte aus und warf sie im hohen Bogen durch das geschlossene Fenster. Sie hörten, wie Flasche und Glasscherben klirrend auf der Straße landeten. Dann rannte sie hinaus, durch die Stadt bis zum Fluss, auf die Brücke, stieg dort auf die Mauer. Die beiden anderen waren ihr gefolgt und kamen kurz nach ihr auf der Brücke an. Liv breitete die Arme aus und rief: "Niemand kann mich hindern!"

"Du hast jedes Recht, jeden Mist zu tun", knurrte Egi und ballte die Fäuste.

In dem Moment, in dem sie sprang, hechtete Freya nach ihren Füßen und zog sie unsanft zurück auf den Boden der Brücke. "Aber du willst doch leben, oder?" fragte sie sanft und strich ihr die Haare aus dem Gesicht. "Denn darum geht es doch eigentlich, nicht wahr?"

© Brigitte Hutt 2013

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