Brigitte Hutt - IT-Beraterin und Autorin

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Herbst

Herbstspaziergang an der Isar

Träge fließt der Fluss dahin, leise rauschen die noch vollen Bäume. Die milde Sonne steht schon schräg. Eine Wegbiegung, dahinter die Floßlände. Die letzten Ausflugsflöße des Tages und der Saison sind angelandet. Mit wuchtigen Axthieben werden die Stämme voneinander getrennt, leere Bierkisten und taumelnde Touristen werden verladen. Ein paar Betrunkene versuchen ein Liebespärchen in den Fluss zu werfen. Begeistert werden sie vom Rest ihrer Gruppe angefeuert. Es gelingt. Die junge Frau kann nicht schwimmen und treibt mit gurgelnden Hilferufen ab, verschwindet. Ein paar Schritte weiter liegt eine vergessene Flößeraxt halb im Wasser. Die Wellen spülen behutsam das Blut ab. Aus einem Gebüsch ragt ein Männerbein, noch zuckend.

Der Weg steigt leicht bergan, bald ist das Wehr erreicht. Das alte gelbe Haus leuchtet in der Herbstsonne. Der Ahorn an seiner Seite färbt sich rot, so rot wie das Wasser, das zusammen mit Kleiderfetzen aus der Turbine quillt. Auch das ehemalige Forsthäuschen prangt in gelbem Anstrich. Sein Spitzdach wird vorn gekrönt von einem geschnitzten Holzgiebel, so prächtig und mächtig, dass nicht einmal die Schnur stört, die darum gewunden ist, höchstens der Körper, der daran baumelt, mit dunkel verfärbtem Gesicht.

Oberhalb des Wehrs stehen die Büsche sehr dicht am Fluss, streicheln mit ihren Zweigen die ruhig dahinfließenden Wasser, werfen auch das eine oder andere Blatt hinein. Das kreiselt dann umher und trifft auf die einsam dahintreibende Baseballkappe, treibt auf ein verlassenes Schwanennest zu, in dem grün schillernde Käfer an einem verrottenden Menschenfinger arbeiten.

Etwas weiter flussaufwärts kreuzt die Isar einen Golfplatz. Es ist noch Betrieb um diese Zeit; leise Klacklaute sind zu hören. Das Murmeln und gelegentliche Lachen von Spielern mischt sich mit dem Zwitschern der Vögel. Golfwagen rollen dumpf unter den Bäumen. Ein kurzer scharfer Laut durchdringt die Luft, ein Spaziergänger greift sich an die Schläfe, wankt, fällt, bewegt sich nicht mehr.

Da ist die Siedlung, zweistöckige, weißgestrichene Häuschen, gepflegte Rasenflächen, Rosenbüsche, Hecken. Auf der Wiese davor üben sich Väter und Söhne im Fußball, sich gegenseitig anfeuernd und lobend. Senioren sitzen auf Terrassen bei Kaffee, Tee und Zeitung, gelegentlich stirnrunzelnde Blick auf die fröhlichen Fußballer werfend. Deren Spiel steigert sich, die Anfeuerungen werden lauter: "Schieß doch, schieß!"

Einer der Senioren steht auf. Ein lauter Knall. Der Junge am Ball stolpert, fällt mit ausgestreckten Armen über die Lederkugel. Der Rasen unter ihm wechselt langsam seine Farbe von grün zu rot. Die anderen stehen fassungslos daneben, sie haben keinen Ball mehr.

Da bin i dahoam.

© Brigitte Hutt September 2015

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